Europa muss sich nicht beschimpfen lassen
Ohne Europa
Vertreter der Ukraine, Russlands und der USA verhandeln heute in den Vereinigten Arabischen Emiraten weiter über ein mögliches Ende von Russlands Krieg in der Ukraine (mehr hier ).
Dieses trilaterale Treffen ist neu. Vertreter der USA, wie etwa der Sonderbeauftragte Steve Witkoff, haben schon oft mit Kreml-Leuten gesprochen, diesmal aber sind auch ukrainische Abgesandte dabei. Das ist richtig so, es geht ja schließlich um die Ukraine.
Wer aber fehlt? Die Europäer.
Im Prinzip ist das in Ordnung. Die USA verstehen sich bei diesem Treffen als Vermittler zwischen der Ukraine und Russland, da würden zu viele am Tisch womöglich stören.
Und trotzdem nervt es, wie inzwischen über die EU gesprochen wird. Wladimir Putin und Donald Trump, der russische und der US-amerikanische Präsident, lassen keine Gelegenheit aus, um über sie zu lästern. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj macht das inzwischen auch. Er hat den Europäern am Donnerstag während des Weltwirtschaftsforums in Davos Tatenlosigkeit vorgeworfen.
Die EU aber ist bei Weitem die größte Unterstützerin der Ukraine. Dies kleinzureden und den Herren Trump und Putin damit das zu geben, was sie am liebsten hören, ist vielleicht ein Akt der Verzweiflung, aber fair ist es nicht.
Doch die Repräsentanten und Bewohner der EU reden sich ja ständig selbst klein. Sie beklagen die politische, militärische und technologische Abhängigkeit von den USA und die Hilflosigkeit gegenüber Russland. Obwohl das alles nicht falsch ist, kann doch eine Selbstanklage auf Dauer keine sinnvolle politische Strategie sein.
Ja, natürlich, die EU muss ihren militärischen und technologischen Rückstand dringend aufholen, aber doch bitte im Gestus des Selbstbewusstseins und gern auch im Bewusstsein dessen, was hier alles besser läuft als in Russland und auch besser als in den USA.
In Deutschland etwa haben wir diesen Hyperkapitalismus der USA nicht, also auch keine Hire-and-Fire-Mentalität, die mit den USA zu vergleichen wäre. Das macht es schwieriger, hier Unternehmen zu gründen, das stimmt, aber die Vorteile davon liegen doch auch auf der Hand.
Auf der politischen Ebene würde sich ein Mehr an Selbstbewusstsein für die EU auszahlen. Sie würde als Partnerin auf Augenhöhe wahrgenommen werden. Das hat die zurückliegende Woche, in der Trump in der Grönlandfrage beidrehen musste, nun wirklich gezeigt.
Mehr Hintergründe: Donald, es reicht!
Aus der Nähe betrachtet
Es ist Wochenende, wir haben Zeit, unsere Freunde zu treffen. Freunde sind oft unser wichtigstes Korrektiv. Sie sind nicht so nah an uns dran wie die Familie, nicht so weit weg wie reine Kollegen – oft haben sie ein gutes Urteil.
Wir brauchen Freundschaften.
Mein Kollege Marc Hujer hat ein bemerkenswertes Porträt über einen der letzten Freunde geschrieben, die Altbundeskanzler Gerhard Schröder noch hat (mehr zu den Hintergründen hier ). Diesem Heino Wiese ist es zwar nicht gelungen, den Altbundeskanzler von seiner verbohrten Haltung zu Russland abzubringen, aber der Freund kann erklären, wer dieser Schröder ist, woher also dessen Stärken und Schwächen rühren.
Man versteht Schröder durch den Blick dieses Freundes besser. Nicht in dem Sinne, dass er einem sympathischer würde oder man Verständnis für seine Haltung zu Russland bekäme, nein, ich meine »etwas verstehen« im Sinne von »etwas nachvollziehen«, nicht von »etwas gutheißen«.
Nun könnte man der Meinung sein, dass Schröder inzwischen egal sei. Ist er aber nicht. Ob man will oder nicht: Ein deutscher Kanzler bleibt eine historische Figur.
Die ganze Geschichte hier: Der letzte Freund
Wird sich der Wintersturm politisch auswirken?
Es wird eisig, stürmisch, glatt, gefährlich. Ein sogenannter Monstersturm fegt am Wochenende über die USA hinweg, angeblich soll es der schlimmste Schneesturm seit Jahren werden.
Mindestens zwei Dutzend US-Bundesstaaten sind betroffen. Fluggesellschaften haben Tausende Verbindungen gestrichen. Greg Abbott, Gouverneur in Texas, rief den Notstand aus. Für Chicago sagt der Nationale Wetterdienst gefühlte Temperaturen von bis zu minus 34 Grad voraus.
Land und Leuten ist zu wünschen, dass sie gut durchkommen.
Doch sollte das Katastrophenmanagement irgendwo versagen, wird der Republikaner Donald Trump vermutlich wieder Gouverneure der Demokraten finden, denen er die Fehler anlasten kann.
Schon jetzt nutzt er den Sturm politisch. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb er: »Könnten die Umweltaktivisten bitte erklären – WAS IST EIGENTLICH AUS DER GLOBALEN ERWÄRMUNG GEWORDEN???«
Mehr Hintergründe: Mehr als 100 Millionen Amerikaner sollen sich für großen Wintersturm wappnen
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Ein Gewinn für Ihr Wochenende…
…könnte ein Kinobesuch sein. Ich jedenfalls möchte Ihnen den Film »Hamnet« (Regie: Chloé Zhao) ans Herz legen. Er läuft jetzt in den deutschen Kinos.
Erzählt wird die Familiengeschichte des großen englischen Dichters und Dramatikers William Shakespeare. Historisch belegt ist fast nichts von dieser Geschichte – Bürgerliche wie Shakespeare hinterließen zu ihrer Zeit kaum biografische Spuren. Doch durch Urkunden weiß man, dass Shakespeare verheiratet war, Kinder hatte, unter anderem einen Sohn, der »Hamnet« hieß.
Doch dieser Hamnet steht gar nicht im Mittelpunkt des Filmes. Auch William Shakespeare spielt hier nicht die Hauptrolle. Alles dreht sich um Shakespeares Frau Agnes (eigentlich: Anne).
Sie interessieren sich nicht für Shakespeare? Nicht für Dichtung und Drama? Nicht für die Frühe Neuzeit?
Schauen Sie sich »Hamnet« bitte trotzdem an, jedenfalls dann, wenn Sie die Erzählform Film mögen. Denn die schauspielerische Leistung der Agnes-Darstellerin Jessie Buckley ist atemberaubend. Ein Ereignis, wirklich. Mein Kollege Andreas Borcholte schreibt über eine Szene: Hier zeige sich eine »fast metaphysische Leistung«.
Den Critics Choice Awards und den Golden Globe hat Buckley schon als beste Hauptdarstellerin bekommen. Für den Oscar ist sie nominiert. Es wäre verrückt, ungerecht, ein großer Fehler, wenn sie ihn nicht bekäme.
(Ja, ich weiß, die ebenfalls in der Kategorie »Beste Hauptdarstellerin« nominierte Emma Stone spielt in »Bugonia« auch eindrucksvoll. Aber sie hat ja schon zwei Hauptrollen-Oscars und hier das Pech, dass »Bugonia« zwar spannend ist, aber mit »Hamnet« nicht mithalten kann).
Oscar oder nicht Oscar? Das ist hier die Frage
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Tausende gehen in Minnesota gegen ICE auf die Straße: Unter dem Motto »Tag der Wahrheit und Freiheit« protestieren Tausende Menschen in Minnesota gegen die Einwanderungsbehörde ICE mit Demonstrationen, Streiks und geschlossenen Geschäften. Die Polizei nahm mehrere Protestierende fest.
Russland startet Angriffe auf Kyjiw und Charkiw – Verletzte und mindestens ein Toter: Die Unterhändler verhandeln in Abu Dhabi, während russische Drohnen die größten Städte der Ukraine bombardieren. Bürgermeister Klitschko warnt vor massivem feindlichem Beschuss. Ein Mensch starb, mehrere wurden verletzt.
Zwei Tote bei US-Angriff auf mutmaßliches Drogenboot im Pazifik: Bei einem US-Angriff auf ein mutmaßliches Schmugglerboot im Pazifik sind erneut Menschen getötet worden. Beweise für Drogenhandel legte Washington nicht vor. Es ist der erste Angriff seit Maduros Festnahme.
Heute bei SPIEGEL Extra: Ein glücklicher trauriger Ort
Jaywick an der Ostküste gilt als das verlorenste Dorf Englands. Während die Mittelschicht sich gern in TV-Shows über das Städtchen lustig macht, haben die Bewohner beschlossen, sich selbst zu retten .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihre Susanne Beyer, Autorin der Chefredaktion
Ukrainischer Präsident Selenskyj am Donnerstag bei seiner Rede in Davos: Das war nicht fair
Foto: Markus Schreiber / AP / dpaSchröder-Freund Wiese besucht ein Fußballspiel von Hannover 96: »Verstehen« im Sinne von »nachvollziehen«
Foto: Rafael Heygster / DER SPIEGELSchneesturm im US-Bundesstaat Maryland (2009): Glatt und gefährlich
Foto: MANDEL NGAN/ AFP»Hamnet«-Hauptdarstellerin Buckley bei den Critics Choice Awards im Januar in Santa Monica: Atemberaubende Leistung
Foto: Michael Tran / AFPSelbst ernannter Jaywick-Aktivist Sloggett (M.), Nachbarn bei einem Spaziergang durch das Dorf
Foto: David J Shaw / DER SPIEGEL