Herzrasen im Morgengrauen
1. Trumps teuflischer Chefideologe
Das brutale Vorgehen der Einwanderungsbehörde ICE, der Umbau staatlicher Strukturen, die Verfolgung politischer Gegner: Was sich derzeit in den USA unter Präsident Donald Trump abspielt, lässt einen gruseln, jeden Tag aufs Neue. Hinter all diesen Maßnahmen steckt vor allem ein Mann, der offiziell nur stellvertretender Stabschef und Heimatschutzberater in Trumps Regierung – und doch »ein De-facto-Premierminister« ist, wie meine Kollegin Nicola Abé schreibt: Stephen Miller.
Miller gilt als »Architekt« dieser neuen Vereinigten Staaten, als »Trumps Gehirn«, als »teuflisch«. Er ist einer der engsten Vertrauten des mächtigsten Mannes der Welt und zugleich dessen ideologischer Motor. Seine Lebensmission, schreibt Nicola, ist der Kampf gegen Einwanderer. So war es Miller, der den Umbau der Einwanderungspolizei zu einer brutal hochgerüsteten Miliz forcierte und die Verfassung uminterpretieren will, um das Geburtsrecht auf Staatsbürgerschaft von Kindern ausländischer Eltern abzuschaffen. Politische Polarisierung ist für ihn eine Strategie, schreibt Nicola weiter, Meinungsunterschiede stilisiert er zum existenziellen Kampf, spricht von einem »Sturm« gegen die »Mächte des Bösen«. Die Demokratische Partei bezeichnet Miller als »inländische extremistische Organisation«.
In ihrem Porträt schildert Nicola anhand Millers Biografie, wie sich dessen Ideologie über die Jahre ausprägte. Wie er die USA nun nach seiner Vision formen will, weiß, abgeschottet, autoritär. Und wie es Miller schafft, sich seit Jahren in Trumps engstem Zirkel zu halten.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Hassen und herrschen – die brutale Vision des Stephen Miller
2. Eiszeit in Berlin
In vielen deutschen Städten sieht man Passanten derzeit wie Pinguine über vereiste Gehwege tippeln. Erst Schnee, dann Frost, dann Eisschollen, das Phänomen sollte Stadtverwaltungen eigentlich nicht überraschen, und doch ist es in manchen Straßen allein privaten Streuinitiativen zu verdanken, dass man sich nicht die Haxen bricht (Wie Sie bei Glatteis am sichersten zu Fuß von A nach B kommen, können Sie hier nachlesen). Streusalz würde helfen, ist jedoch schlecht für Grundwasser, Böden und Pflanzen. Nun gilt es also abzuwägen: ein paar verdörrte Bäume und Sträucher – oder die Notaufnahmen voll mit Menschen, die sich Schultereckgelenk und Oberschenkelhals gebrochen haben?
Hamburg immerhin hat das Salzstreuverbot aufgehoben, die Hauptstadt wollte es der Hansestadt gleich tun. Aber, Sie ahnen es: In BERlin ist es natürlich kompliziert. In einem markigen X-Post hatte Bürgermeister Kai Wegner am Donnerstag an sein Abgeordnetenhaus appelliert, doch endlich den Einsatz von Taumitteln zu ermöglichen. Die Wetterbedingungen seien »extrem«, klagte Wegner – und erntete dafür sogar aus den eigenen Reihen Spott: »Es ist keine überraschende Wetterkrise«, kommentierte etwa Parteikollege Armin Laschet auf X, »man nennt es Winter.«
Außerdem schien Wegner, der erst kürzlich als zweifelhafter Krisenmanager von sich reden machte , verdrängt zu haben, dass eine erste Prüfung möglicher Ausnahmen nach SPIEGEL-Informationen bereits gescheitert, ein Aushebeln der Gesetze zunächst nicht möglich war. Und während sich die Fraktionen stritten, wer hier wen blockiert, wurden täglich Dutzende Glatteisopfer in das Berliner Unfallkrankenhaus eingeliefert, teils mit schweren Verletzungen.
Doch nun gibt es Grund zur Hoffnung: CDU-Verkehrssenatorin Ute Bonde hat angekündigt, mittels einer sogenannten Allgemeinverfügung den Einsatz von Streusalz zu ermöglichen. Wie schnell das umgesetzt wird, ist unklar. Auf SPIEGEL-Anfrage wollte sich die Stadtreinigung nicht äußern. Berlin, es bleibt kompliziert.
Lesen Sie hier mehr: In Berlin darf nun doch mit Salz gestreut werden
3. Tennisthriller in Melbourne
Wir müssen über Gurkenwasser reden – und über mein Herz. Ich habe neulich wieder gelesen, wie wichtig gesunder Schlaf ist. Und wie hoch das Herzinfarktrisiko, besonders nach dem Aufstehen: der Blutdruck erhöht, die Stresshormone in Wallung… Vor dem Hintergrund war es heute lebensgefährlich, sich das Halbfinale der Australian Open zwischen Alexander Zverev und Carlos Alcaraz anzutun. Das Prädikat »Krimi« wird im Sport häufig strapaziert, aber was der beste deutsche Tennisspieler und der spanische Weltranglistenerste boten, war nichts anderes als ein Thriller – und das aufgrund der Zeitverschiebung auch noch im deutschen Morgengrauen! Fünfeinhalb Stunden scheuchten sich die beiden über den Center Court von Melbourne, Alcaraz wurde zwischenzeitlich von Krämpfen geplagt (und ich von Herzrasen) und konnte sich doch noch einmal zurückkämpfen: dank der revitalisierenden Wirkung von Gurkenwasser, wie mein Kollege Lukas Rilke in seiner Aufarbeitung des Tennisdramas erklärt. Ein Drama war es vor allem für Zverev, den bei Grand-Slam-Turnieren Ungekrönten. Wie er sich am Ende völlig entkräftet auf die andere Seite schleppte, um seinem Kontrahenten fair zu gratulieren, das brach einem, ja ja, fast das Herz.
Das zweite Halbfinale zwischen Titelverteidiger Jannik Sinner und Altmeister Novak Djokovic war im Übrigen nicht weniger nervenaufreibend. Darauf ein Gläschen Gurkenwasser – zum Wohl!
Lesen Sie hier den ganzen Spielbericht: Der beste Zverev der Geschichte ist nicht gut genug
Was heute sonst noch wichtig ist
In rund 150 Kommunen droht am Montag der Verkehrskollaps: Die Gewerkschaft Ver.di hat für Montag zu einem bundesweiten Warnstreik im öffentlichen Nahverkehr aufgerufen. Welche Städte und Regionen besonders betroffen sind.
Trump nominiert Kevin Warsh als neuen Chef der US-Zentralbank: Den bisherigen Fed-Chef hatte er immer wieder wüst beschimpft. Jetzt hat Donald Trump einen Nachfolger für Jerome Powell nominiert. Der frühere Zentralbank-Gouverneur Kevin Warsh muss aber noch vom Senat bestätigt werden.
Mann reißt Frau vor Hamburger U-Bahn – Täter und Opfer kannten einander offenbar nicht: Auf einem Hamburger U-Bahn-Steig hat ein Mann am Donnerstagabend eine junge Frau gepackt und sich mit ihr vor einen einfahrenden Zug gestürzt. Nun gibt es neue Erkenntnisse zu dem Fall.
Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen
Um zwei Uhr morgens lässt er sie schutzlos zurück: Ein Mann führt seine Freundin im Januar 2025 bei Sturm und Kälte auf den Großglockner. Er überlebt. Sie stirbt. Die Rekonstruktion einer Tragödie.
Was heute weniger wichtig ist
Der White-Lotus-Effekt: Über das »weniger wichtig« lässt sich an dieser Stelle streiten – denn für »White Lotus«-Fans dürfte diese Personalie eine Knallermeldung sein: Helena Bonham Carter, 59, ist für die vierte Staffel der Erfolgsserie gebucht. Mit der Britin, zweimal für den Oscar nominiert (»The King’s Speech«, »The Wings of the Dove«), bestätigt die Reihe um eine fiktive Luxushotelkette und ihre vulgär reichen Gäste ihren Ruf als Magnet für Schauspielstars wie auch als Bühne für Ensembledarstellungen. Nach Hawaii, Sizilien und Thailand lädt »The White Lotus« diesmal nach Südfrankreich.
Mini-Hohl
Hier finden Sie den ganzen Hohl.
Cartoon des Tages
Und am Wochenende?
Aktuell der deutschen Auswahl im Halbfinale der Handball-EM die Daumen drücken (hier in unserem Liveticker), Samstag und Sonntag die Damen- bzw. Herren-Finals der Australian Open gucken – und weiter den Stapel an Büchern runterlesen, die man zu Weihnachten geschenkt bekommen hat (rausgehen will man eh nicht, siehe oben). Mein Lesehighlight zum Jahresbeginn war David Szalays »Was nicht gesagt werden kann«, im Herbst mit dem renommierten Booker Prize für den besten englischsprachigen Roman prämiert. Es ist die lakonisch, aber packend erzählte Geschichte eines einfachen Mannes, der es, seinen Impulsen folgend, weit zu bringen scheint und sich selbst doch ein Fremder bleibt. (Lesen Sie hier, was mein Kollege Sebastian Hammelehle dazu schreibt .)
Ein erholsames Wochenende. Herzlich
Ihr Florian Merkel, Chef vom Dienst
Stephen Miller beim Betreten der »Air Force One«
Foto: Mark Schiefelbein / APVereiste Fläche vor dem Reichstagsgebäude
Foto: Britta Pedersen / dpaCarlos Alcaraz nimmt die Gratulationen von Alexander Zverev entgegen
Foto: Martin Keep / AFPWebcam-Aufnahme der Bergsteiger am Stüdlgrat: Lichtpunkte in eisigen Höhen
Foto:foto-webcam.eu
Helena Bonham Carter
Foto: Jordan Strauss / Invision / AP / dpaAufdruck auf einer Packung Maultaschen vom Schweine- und Geflügelhof Maier in Remmingsheim (Bad.-Württ.)
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Thoms Plaßmann