Was kann ein Weltstar in der zweiten Liga bewirken?
Natürlich ist sofort die Erinnerung zurück. An Edin Džekos Zeit beim VfL Wolfsburg, an das 5:1 des Klubs gegen die Bayern, aber auch an Raúl, den Señor von Real Madrid, der schon mal den Glamour nach Gelsenkirchen brachte.
Der Transfer von Altstar Džeko in die 2. Fußball-Bundesliga zu Schalke 04 weckt romantische Gefühle an die Vergangenheit. Aber was bringt dieser Schritt, die Verpflichtung eines fast 40-Jährigen, für die Gegenwart?
Klar ist: Der Blick auf die gesamte zweite Liga wird sich ab sofort verändern. Ein Weltstar, und das ist der Bosnier mit seinen Karrierestationen Manchester City, AS Rom und Inter Mailand in jedem Fall, in der deutschen Zweitklassigkeit, das hat es selten gegeben.
Früher Champions-League-Finale, jetzt gegen Paderborn
Edin Džeko, der mit Manchester City dreifacher englischer Meister wurde und im Champions-League-Finale mit Inter Mailand stand, jetzt also gegen SV Elversberg, 1. FC Magdeburg und SC Paderborn – das hat eine leicht surreale Note.
Parallelen zu dem aufsehenerregenden Transfer von Raúl nach Schalke 2010 sind statthaft, aber der 33-jährige spanische Superstar wechselte damals zu einem Champions-League-Klub, für Džeko geht es in die zweite Liga.
Trotzdem sind Parallelen offensichtlich. Zumal Džeko einst von Felix Magath nach Wolfsburg in die Bundesliga geholt wurde – der dann als Schalke-Trainer den Raúl-Transfer abwickelte.
Kontakte in die alte Heimat haben bei dem 146-fachen bosnischen Nationalspieler offenbar Wirkung gezeigt. Schalkes Trainer Miron Muslic ist in Bosnien geboren, Džekos früherer Nationalmannschaftskollege Sead Kolasinac hat eine Schalke-Vergangenheit. Kolasinac, so wird kolportiert, soll Džeko gesagt haben: »Wenn du in deiner Karriere noch mal etwas richtig Geiles erleben willst, dann den Aufstieg auf Schalke.«
Immer noch eine große Marke
Am Sonntag kann er schon einen Vorgeschmack davon erleben. Es geht für Königsblau gegen den 1. FC Kaiserslautern. Viel mehr Tradition ist in dieser Liga nicht mehr zu bekommen.
Der Revierklub ist immer noch eine große Marke, trotz des Niedergangs in den vergangenen Jahren. Eine so große wie stabile Fanbasis wie auf Schalke können nur ganz wenige Klubs in Deutschland aufbieten, das dürfte bei der Entscheidung des 39-Jährigen, im Spätherbst seiner Laufbahn nach Deutschland zurückzukehren, eine Rolle gespielt haben.
Bei Florenz zuletzt war er erfolglos, die Fiorentina steckt zudem mitten im unschönen Abstiegskampf. Als 18. steht der Klub derzeit unterm Strich, was den Klassenerhalt angeht.
Da macht es schon mehr Spaß, die Aufstiegseuphorie bei einem Traditionsklub mitzunehmen. Nach Medienberichten soll der Wechsel denn auch auf Džekos Initiative zustande gekommen sein. Er sei auf den Klub zugekommen, nicht umgekehrt, das ist schon ungewöhnlich.
Bonuszahlungen vereinbart
Es heißt, er habe dafür auf ein lukrativeres Angebot des FC Paris verzichtet. Der TV-Sender »Sky« formuliert gefühlig, dies sei »ein Transfer fürs Herz statt für Geld«. Sorge, dass Džeko jetzt zu hungern habe, muss man sich dennoch nicht machen. In Florenz verdiente er geschätzt zwei Millionen Euro, aber war zuletzt kaum noch eingesetzt. Einen Treffer hat er für die Italiener in dieser Saison noch gar nicht erzielt. Im März wird er 40 Jahre alt, jetzt kann er noch mal die große Aufmerksamkeit mit einer sportlichen Aufgabe verknüpfen.
Schalke, finanziell notorisch knapp, soll Džeko nach Medienberichten mit einem »stark leistungsbezogenen Vertrag« ausgestattet haben. Er soll mehrere Bonusklauseln enthalten, für jedes erzielte Tor, für den Fall des Aufstiegs gebe es zudem einen kräftigen Nachschlag.
Details werden wie üblich nicht an die Öffentlichkeit gegeben, aber der Klub bemüht sich zu streuen, dass das Gehaltsgefüge des Teams damit nicht gesprengt werde. Bisheriger Bestverdiener auf Schalke ist Kapitän Kenan Karaman mit geschätzt 800.000 Euro. Aus dem Schalker Umfeld ist zu hören, dass Džeko nicht zu den Topverdienern zählen wird.
Offensivimpulse vonnöten
Sportlich ist das Risiko für Königsblau tendenziell überschaubar. Auch ohne Džeko hat es Schalke an die Tabellenspitze und zur Herbstmeisterschaft geschafft, dies hat das Team allerdings vor allem seiner überragenden Defensive mit nur zehn Gegentoren zu verdanken. Offensiv hingegen ist man mit nur 22 Toren im hinteren Mittelfeld der zweiten Liga, selbst der Tabellenletzte Greuther Fürth hat mehr Treffer erzielt.
Hier ist jeder Impuls also dringend willkommen. Dass Džeko die Qualität dafür hat oder zumindest hatte, dazu muss man nur die Statistik heranziehen. Mehr als 350 Tore hat er in der Bundesliga, der Serie A, der Premier League und der türkischen Süper Lig insgesamt erzielt. Damit gehört er zu den Top-Torjägern in Europa der vergangenen fast 20 Jahre.
In Deutschland ist sein Name untrennbar mit der sensationellen Meistersaison des VfL Wolfsburg 2008/2009 verbunden. Gemeinsam mit seinem kongenialen Sturmpartner, dem Brasilianer Grafite, schoss er die Bundesliga in Grund und Boden. Zusammen kamen beide auf 54 Tore. Sie brachen damit den Rekord des Offensivduos Gerd Müller und Uli Hoeneß aus dem Jahr 1972.
Ein Wolfsburger Wirbelsturm
Unvergessen der Auftritt am 26. Spieltag: Die Bayern wollten den Verfolger abschütteln, doch es wurde zum Fiasko, ein grüner Wirbelsturm fegte über die damals von Jürgen Klinsmann trainierten Münchner hinweg. Häufig erinnert man sich vor allem an Grafites Zauber-Hackentor , aber dabei geht unter, dass es Džeko war, der den VfL mit seinen beiden Treffern zum 2:1 und 3:1 auf die Siegesspur brachte. Am Ende der Saison sagte Džeko: »Die Meisterschaft und der Rekord – Wahnsinn!«
Den Weg zum VfL hatte Džeko übrigens auch dank Bernd Hollerbach gefunden, der als Co-Trainer dem damaligen Chefcoach Felix Magath empfahl: »Schnell verpflichten, ein Juwel«. Nach der Meistersaison zeigte Džeko seine Klasse erneut und wurde mit 22 Treffern sogar noch Torschützenkönig der Bundesliga.
Aufgrund seiner Beherrschung des Luftraums wurde er auch »das neue Kopfball-Ungeheuer« genannt. Eine Fähigkeit, die er Magath verdankte, wie er einmal dem SPIEGEL sagte : »Jeden Freitag vor dem Spiel habe ich bei Magath extra Flanken geübt, das war super für mich.«
Zweimal englischer Meister
Džeko liebäugelte längere Zeit mit einem Wechsel zu einem europäischen Topverein, einige Male platzten seine Träume jedoch, bevor in der Winterpause 2010/2011 dann doch der Ruf aus der englischen Liga kam. Er wechselte zu Manchester City. Dort brauchte er einige Zeit, um anzukommen, war 2012 aber ein entscheidender Faktor für den ersten Titelgewinn Citys seit mehr als 40 Jahren.
Es geschah an einem Mai-Sonntag 2012, am letzten Spieltag. City ging als Tabellenführer in diesen Spieltag, ein Sieg über das kleine QPR, die Queens Park Rangers, und man hätte das Fernduell mit Sir Alex Fergusons Manchester United für sich entschieden. Aber City versagten die Nerven.
Noch in der Nachspielzeit lag das Team 1:2 zurück, United führte, City schien den Titel zu verspielen – um dann noch zwei Tore in 125 Sekunden zu erzielen. Der Siegtreffer von Sergio Agüero gilt bis heute als der dramatischste Moment der Premier-League-Geschichte, der »Agüerooooo«- Ruf des TV-Kommentators Martin Tyler ist in England bis heute legendär. Das zweite City-Tor zuvor geht deshalb unter. Es fiel in Minute 90 plus 2, ein schnöder Kopfball nach einer Ecke, Torschütze: Edin Džeko.
Drei Meistertitel mit City stehen in seiner Vita. Erfolge feierte er aber auch nach seiner Zeit in England: Bei der AS Rom wurde er 2017 Torschützenkönig der Serie A und kam ein Jahr später bis ins Champions-League-Halbfinale, 2021 noch ins Europa-League-Halbfinale. Mit Inter Mailand holte er noch zweimal den Pokal – und stand 2023 sogar im Königsklassenfinale, das aber 0:1 verloren ging. Gegen seinen alten Klub Manchester City.
Džeko trug in seiner Manchester-Zeit die Rückennummer 10, die Nummer der Spielmacher, und tatsächlich war er kein Stürmer, der stur im Strafraum lauerte.
Es ist die Rückennummer, die sie ihm auch beim FC Schalke geben werden.
Schalke-Star Raúl 2011
Foto: Jose Jordan / AFPBosnischer Nationalspieler Džeko
Foto: Studio Fotografico Buzzi / IMAGOSchalke-Trainer Muslic
Foto: Andreas Gora / dpaWolfsburger Traumpaar: Džeko, Grafite 2008
Foto: Radu Vioreanu / dpaManchester-City-Spieler Džeko, David Silva
Foto: Darren Staples / REUTERS