Der beste Zverev der Geschichte ist nicht gut genug
Szene des Spiels: In den Katakomben der Rod Laver Arena tigerte Jannik Sinner herum. Die TV-Kameras zeigten den Italiener, fertig umgezogen und in Trainingsjacke, der sich weiter in Geduld üben musste vor seinem Halbfinale gegen Novak Djokovic. Über 5:20 Stunden dauerte draußen auf dem Platz schon das andere Semifinale zwischen Alexander Zverev und Carlos Alcaraz. Der Deutsche und der Spanier fanden einfach kein Ende, was zunächst nach einem glatten Erfolg des topplatzierten Spaniers aussah, wuchs sich zu einem grandiosen Fünfsatzmatch aus. Bei Aufschlag Zverev erarbeitete Alcaraz sich den ersten Matchball, einen knallharten Return und grandiosen Passierschlag später sank der Weltranglistenerste triumphierend zu Boden. Es war geschafft.
Das Ergebnis: 6:4, 7:6 (7:5), 6:7 (5:7), 6:7 (3:7) und 7:5 gewann Alcaraz und steht zum ersten Mal im Finale der Australian Open, dem einzigen Grand-Slam-Turnier, das er noch nicht gewinnen konnte.
Die Erkenntnis: Mehr als 100 Millionen Menschen auf der Welt spielen Tennis, hat der Weltverband errechnet. Nur zwei davon, Alcaraz und Sinner, können das noch besser als Alexander Zverev. Doch es wirkte in den vergangenen zwei Jahren so, als gäbe es eben diese beiden – und dann den Rest, mit Zverev als ehrbarem Anführer der Chancenlosen. Eine Situation, die dem 28-Jährigen in der Vergangenheit arg zugesetzt hatte. Desillusioniert wirkte er bei seinen Auftritten nach Niederlagen gegen die beiden. »Es reicht einfach nicht«, lautete stets sein Fazit.
Jetzt reichte es wieder nicht, aber es war so knapp wie noch nie.
Hoffnung in der Statistik: Vor dem 13. Aufeinandertreffen der beiden war die Bilanz zwischen Alcaraz und Zverev ausgeglichen, mit jeweils sechs Siegen. In Melbourne hatte Zverev den Spanier vor zwei Jahren im Viertelfinale noch glatt in drei Sätzen bezwungen. Damals war Alcaraz aber ein anderer Spieler, anfälliger für Unkonzentriertheiten, unerfahrener. Mittlerweile hat sich Alcaraz in fast allen Bereichen seines Spiels weiter verbessert.
Ungewöhnliche Wahl, ein anderer Zverev – der erste Satz: Alcaraz sorgte für die erste Überraschung der Partie. Der Spanier gewann den Münzwurf und entschied sich dafür, außergewöhnlich für einen starken Aufschläger, mit dem Rückschlag beginnen zu wollen. Es entwickelte sich schnell eine ausgeglichene Partie. Ob der Spruch »Wahnsinn ist, immer das Gleiche zu tun, aber auf unterschiedliche Ergebnisse zu hoffen« tatsächlich von Albert Einstein stammt, ist umstritten.
Tatsache ist, dass Alexander Zverev sein Tennisspiel an dieses Prinzip angepasst hat. Zverev, bekannt für starke Grundschläge und seine Aufschlagstärke, zeigte gegen Alcaraz eine für ihn untypische Varianz, kam ans Netz, wechselte immer wieder das Tempo. John McEnroe hatte Zverev jüngst attestiert, in Australien das vielleicht beste Tennis seiner Karriere zu spielen und »auf jeden Fall« eine Chance gegen die Nummer eins der Welt zu haben. In Satz eins aber lief erst mal alles für Alcaraz, nach 48 Minuten hieß es 6:4 für den Spanier.
Der wichtigste Schlag: Ohne einen »Big Serve« hat man heutzutage im Männertennis keine Chance. Zverev hat mit seinen 1,98 Metern ohnehin gute Voraussetzungen und lebt von seiner hohen Konstanz beim Aufschlag. Alcaraz hat die Winterpause genutzt, um sich in diesem Feld noch mal zu verbessern und hat seinen Aufschlagablauf, eine der komplexesten Bewegungen überhaupt im Sport, grundlegend überarbeitet. Deutlich flacher ist jetzt sein Ballwurf, viel kompakter und schneller die ganze Ausholbewegung. Der Erfolg stellt sich beim Bewegungstalent Alcaraz jetzt schon ein: im ersten Satz kamen 80 Prozent seiner ersten Aufschläge ins Feld (Zverev: 64 Prozent), in 85 Prozent der Fälle gewann er dann auch den Punkt (Zverev: 78 Prozent). Extreme Werte.
Gramm und Gram: Gegen Ende des ersten Satzes fing Zverev an zu hadern, ihm passte seine Bespannung nicht. Je härter die ist, desto mehr Kontrolle haben die Spieler. Eine weichere Bespannung gibt dafür einen höheren »Trampolineffekt«, der Ball federt schneller aus den Saiten zurück. Zverev, so wollten es unter anderem die Eurosport-Kommentatoren Matthias Stach und Barbara Rittner vernommen haben, beschwerte sich bei seiner Box über die zu hart gespannten Seiten. Er hätte lieber ein paar Gramm weniger im Schläger gehabt und damit mehr Power gegen Alcaraz. Da die Bedingungen mit rund 30 Grad genau so waren, wie vorhergesagt, konnte man sich fragen, wie einem Weltklassespieler so eine Materialpanne passieren kann. Oder benötigte Zverev einfach ein Ventil, um seine Frustration über einen verlorenen Satz abzulassen? Das Thema ließ ihn jedenfalls das ganze Match über nicht los, mehrmals wechselte er auch innerhalb eines Aufschlagspiels den Schläger.
Endlich Spektakel, Spaß muss sein – der zweite Satz: War der erste Durchgang geprägt von hochklassigen, aber etwas eintönigen Ballwechseln, kam im zweiten Satz der Alcaraz'sche Spieltrieb dazu. Zverev hielt an seinem Stil fest, durchbrach erstmals den gegnerischen Aufschlag und zog zwischenzeitlich auf 5:2 davon. Doch der 28-Jährige wirkte zugleich minimal unkonzentrierter als in Satz eins. Das reichte Alcaraz. Sobald die Ballwechsel vom üblichen Schema abwichen, zeigte sich sein grenzenloses Improvisationstalent. Passierbälle, Stopps, wilde Volleys – Alcaraz war voll in seinem Element und kam aus dem Lächeln kaum noch raus. Showtime. Zverev konnte diese Tennisnaturgewalt nicht aufhalten, 7:6 ging auch Satz zwei an Alcaraz. Die von den Australian Open berechnete Gewinnwahrscheinlichkeit von Zverev lag nun bei unter zehn Prozent. Selbst das wirkte noch optimistisch.
Schmerz lass nach – der dritte Satz: Es ging erst mal so weiter, Alcaraz gewann seine Punkte zunächst recht mühelos, Zverev spielte am Limit und hielt so mit. Beim Stand von 4:4 griff sich Alcaraz plötzlich an den Oberschenkel und ließ sich anschließend behandeln. Eine Zerrung? Krämpfe? Keine ganz unerhebliche Frage, schließlich sieht das Reglement nur eine sofortige Behandlungsauszeit für akut zugezogene Verletzungen vor, nicht aber für Krämpfe. »Das kann nicht euer Ernst sein«, hörte man Zverev über die Außenmikrofone schimpfen. »Das sind Krämpfe, was soll das denn sonst sein?«
Alcaraz selbst sprach der Stuhlschiedsrichterin gegenüber von einem Ziehen, was die Behandlungspause rechtfertigte. Man merkte ihm die Blessur an, seine ersten Aufschläge kamen fast 30 Kilometer pro Stunde langsamer. Zverev versuchte, seinen Gegner noch mehr unter Druck zu setzen, doch selbst ein angeschlagener Alcaraz ist schwer zu besiegen. Bis in den Tiebreak schleppte sich Alcaraz, den gewann Zverev aber 7:3.
Geheimwaffe Gurkenwasser: Das Finale der French Open im vergangenen Jahr gilt als eines der besten Tennismatches der Geschichte . Eine kleine, aber nicht zu unterschätzende Rolle spielte in Paris ein spezieller Drink, den Alacaraz während der fünf Sätze gegen Jannik Sinner zu sich nahm: Pickle Juice, Gurkenwasser. Der Spanier öffnete auf seiner Bank natürlich keine großen Gläser aus dem Spreewald und schlürfte die Lake, sondern nahm ein speziell zubereitetes Getränk zu sich, das sich aber tatsächlich aus den gleichen Bestandteilen zusammensetzt: Natrium, Kalium, Essig. Krämpfe sollen sich so um bis zu 40 Prozent besser beheben lassen als durch reines Wasser, berichtete damals die BBC. Auch gegen Zverev setzte Alcaraz nun wieder auf Pickle Juice. Ganz zu 100 Prozent Leistungsfähigkeit schien er nach der Behandlungspause zwar nicht wieder zurückzufinden, aber Alcaraz konnte weitermachen und kam nach und nach wieder besser ins Spiel. Satz vier, Gurkenwasser sei Dank!
Das Los des Fitten, Händchen statt Haudrauf – Satz vier: In- und auswendig kennen sich die Spitzenspieler, nach zig direkten Duellen und Videoanalysen wissen die Stars, was sie von der Gegenseite erwartet. Für jedes Match gibt es einen Plan, eine Taktik, maßgeschneidert auf den Gegner. Das alles kann eine Verletzung über den Haufen werfen. Der angeschlagene Kontrahent muss plötzlich anders spielen, was bedeutet das für das eigene Spiel? Druck machen und so von der Schwäche profitieren? Oder weniger riskant spielen in der Hoffnung, dass der andere im Laufe der Zeit immer stärker nachlassen wird und vielleicht aufgeben muss? Plötzlich muss man sich solche Gedanken machen und seine Taktik überdenken. Nicht selten geht das schief, und der fitte Spieler verheddert sich in seinen Überlegungen. Zverev versuchte, Alcaraz noch mehr unter Druck zu setzen – und wurde dabei immer wieder ausgekontert. Alcaraz versuchte, die Ballwechsel kurz zu halten, spielte noch mehr Stopps und riskante Schläge. Zverev gelang es, die Konzentration hochzuhalten – bis in die Tiefen des Tiebreaks, den er 7:4 gewann.
In den Seilen, das große Finale – Satz fünf: Die fünfte Stunde dieses immer dramatischer werdenden Matches war bereits angebrochen, beide Spieler waren von den Anstrengungen gezeichnet, Zverev klebte sein getränktes Shirt am hageren Körper. Ihr Tennis litt nicht darunter, immer wieder entwickelten sich dramatische Ballwechsel, immer wieder zeigten beide ihre Klasse. Zverev gelang ein frühes Break, er verteidigte den Vorsprung gegen einen nicht aufgebenden Alcaraz bis zum Stand von 5:4. Dann gelang Alcaraz das Break, anschließend brachte er seinen Aufschlag durch, ehe er Zverev noch mal den Aufschlag abnahm zum 7:5-Endstand. Vielleicht hat es Zverev, der mit der Niederlage in der Weltrangliste nun auf Platz vier rutscht, noch nie so gut geschafft, über fünf Sätze gegen solch einen Gegner so sehr bei sich zu bleiben, die Ballwechsel mit Wucht zu Ende zu spielen, einen Weltklassegegner zu dominieren. Hat es schon mal einen besseren Zverev gegeben? Wahrscheinlich nicht.
Ausblick: Der letzte Major-Sieger, der nicht Alcaraz oder Sinner hieß, war Novak Djokovic bei den US Open 2023. Seitdem teilen sich die beiden Top-Stars die Siege untereinander auf: vier für Alcaraz, vier für Sinner, darunter die beiden letzten Auflagen der Australian Open. Der Italiener trifft im zweiten Halbfinale auf den 38 Jahre alten Rekordchampion Djokovic (24 Grand-Slam-Triumphe, zehn Siege bei den Australian Open).
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