Der Steineschmeißer und die »Siedler von Catan«

»Vielleicht wird das Spiel ja das Geheimnis unseres Erfolgs«, sagte Miro Schluroff mit einem breiten Grinsen, bevor er endgültig in die Kabine verschwand.

Der 25-Jährige meinte damit nicht das packende Handballspiel, das die Deutschen am Donnerstagnachmittag bei der EM gegen die Portugiesen 32:30 für sich entschieden. Sondern das gute, alte Brettspiel »Siedler von Catan«.

Noch vor der Abreise nach Dänemark hatte Schluroff davon gesprochen, dass das Team ganz wild darauf sei. Es müsse auf jeden Fall in den Koffer gepackt werden.

Das »Spiel des Jahres 1995« ist jetzt also einer der Freizeithits bei den jungen Männern von 2026. Dabei waren die meisten, auch Schluroff, bei Erscheinen des Klassikers nicht mal geboren.

Wundertor zum 25:23

Die Angriffsspieler am Kreis und im Rückraum in der Crunchtime gegen Portugal hießen: Justus Fischer, Jahrgang 2003, Renārs Uščins (2002) Nils Lichtlein (2002) und eben Schluroff (2000) bei seinem allerersten Turnier. Mitten im Endspurt spielte einer besser als der andere.

Der letztgenannte Schluroff kam zur zweiten Halbzeit auf die Platte und riss das bis dahin lahmende deutsche Offensivspiel mit seinen Distanzwürfen an sich. »Ich mache mir da keinen Kopf, ich soll schießen, und das mache ich«, sagte der Gummersbacher nach der Partie, in der er sieben Tore aus acht Versuchen geworfen hatte.

Eines davon verdiente die Marke »besonders wertvoll«. In der 53. Minute hatte Deutschland alle Pässe verbraucht, Schluroff musste nach einem Freiwurf werfen, vor dem portugiesischen Block. Er tippte den Ball noch mal auf, bekam den Kontakt, wand sich seitlich nach hinten und feuerte den Wurf aus einer unmöglichen Distanz von vielleicht zwölf Metern an halb Portugal vorbei. Der Ball prallte gegen den Pfosten und dann vom portugiesischen Torhüter ins Netz. Ein Alles-oder-nichts-Wurf zum 25:23. Solche Treffer können dem Gegner Kraft rauben. »Da war auch Glück dabei«, sagte Schluroff hinterher.

Der Regisseur setzt auf Schluroff

Bis zu 134 Kilometer pro Stunde haben seine Bälle drauf, die härtesten der ganzen EM. »Steineschmeißer« werden solche Spieler mitunter etwas flapsig im Handball genannt, aber im Portfolio einer Klassemannschaft darf auch so eine Stärke aus dem Rückraum nicht fehlen. Beim EM-Sieg vor zehn Jahren hieß der damalige Spezialist aus der Distanz Julius Kühn.

Schluroff steuerte gegen Portugal zudem mehrere Vorlagen für Tore bei. »Miro hat die Verantwortung im Spiel getragen. Ich bin der Meinung, dass man einen Lauf so lange ausnutzen soll, wie es geht. Also wollte ich, dass der Angriff über Miro läuft«, sagte der 23 Jahre alte Nils Lichtlein, der am Ende die Regie übernahm und in der Auszeit die Spielzüge ansagte.

Der Angriff, über den er sprach, war der vorletzte deutsche im Spiel und endete im Siebenmeter zum Sieg. Lichtlein rechtfertigte das Vertrauen, das er dieses Mal und nach langer Zeit von Bundestrainer Alfreð Gíslason bekommen hatte.

Der Coach hatte jüngst auch an dieser Stelle Kritik für seine Methoden in den Spielen bekommen. Schon gegen die Spanier und nun gegen die Portugiesen bewies Gislason allerdings den richtigen Instinkt und auch Mut beim Personal.

Den Leistungsknick im ersten Durchgang konnte allerdings auch er nicht richtig erklären: »Gerade die erste Halbzeit war ein Leiden pur«, sagte Gislason. »Hart anzusehen«, beschrieb es Lichtlein.

Deutschland begann wie gebremst, hatte sich gleich neun technische Fehler erlaubt und sehr viele Angriffe schlampig gespielt. In der spärlich gefüllten Halle fühlte sich die Partie fast lähmend an.

Die Portugiesen agierten zwar unangenehm und mit dem Rückenwind vom Überraschungssieg gegen Dänemark. Doch das wollten die deutschen Spieler nicht als Erklärung für ihren schwachen Start gelten lassen. Der Tenor in den Katakomben von Herning lautete: So darf man sich gegen Norwegen nicht vom Start weg präsentieren.

Zum großen Teil lag es am Torwart Andreas Wolff, dass die Unzulänglichkeiten nicht mit einem hohen Rückstand bestraft wurden. Am Ende stand der Kieler bei 13 Paraden und wurde zum Spieler des Spiels ernannt.

»Ich gehe spazieren, mache Kraftraining und lese«

Neben dem Torhüter und dem besten Schützen Schluroff ging einer fast schon unter, der bei dieser EM konstant gut spielt – und das bei seinem ersten Turnier wohlgemerkt. Der Gummersbacher Tom Kiesler räumt in der Abwehr mit seinen Blocks und seiner Zweikampfstärke so gut ab, dass auch Wolff davon profitiert. Mit Defensivspezialist Kiesler im Mittelblock wurden die Portugiesen häufig zu Würfen von Außen gezwungen, die sie im zweiten Durchgang nacheinander versiebten. »Bei uns läuft es in der Abstimmung super, das war von Beginn an zu spüren«, sagte Kiesler hinterher im Gespräch.

So richtig habe er noch gar nicht realisiert, dass er jetzt auf der großen Bühne einem großen Gegner nach dem anderen gegenübertritt. Dabei hatte Kiesler erst vor gut zwei Monaten sein Debüt in der Nationalmannschaft gefeiert. Auch er ist erst 24 Jahre alt.

Daheim geht Kiesler zum Ausgleich in den Wald auf die Jagd. Als man ihn am Donnerstag fragte, wie er sich denn in Dänemark zwischen den Spielen die Zeit vertreibe, sagte er: »Ich gehe spazieren, mache Kraftraining und lese.« Gerade liegt auf seinem Nachttisch das Buch »The confident mind – a battle-tested guide to unshakable performance« – also in etwa: ein kampferprobter Leitfaden für eine unerschütterliche Leistung.

Wenn sie so weiterspielen, können die EM-Debütanten Schluroff und Kiesler bald selbst so ein Buch schreiben.

Nationaltrainer Gislason: »Die erste Halbzeit war ein Leiden pur«

Foto: Marco Wolf / wolf-sportfoto / IMAGO

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