Warum werden drei Millionen Arbeitslose abgeschrieben?

Vergangene Woche stand wieder einmal offiziell im Zeichen der »Fachkräftegewinnung«. Was nach regierungsamtlichem Bergbau mit Hacke und Grubenleuchte klingt, hat damit allegorisch tatsächlich etwas zu tun: Die mühsam gewonnene Fachkraft ist Gold für eine Volkswirtschaft wie der deutschen, weil sie am demographischen Kipppunkt steht.

Die Entwicklungshilfeministerin stellte also ihre »Allianz zur fairen internationalen Fachkräftegewinnung« vor. Aufgerufen wurde eine neue »work-and-stay«-Agentur, die den Zuzug erleichtert. Die Arbeitsministerin hielt ihre erste inländische »Fachkräftewerkstatt« ab. Sie hat zudem die Neuauflage der »Fachkräftestrategie« der Bundesregierung fast fertig, die ein Kapitel zur künstlichen Intelligenz bekommt.

Und so fasste der neue Wirtschaftsweise Felbermayr zusammen: »Es gibt genug Vorschläge, Ältere, Frauen, Teilzeitkräfte und Zugewanderte für den Arbeitsmarkt zu gewinnen. Nun gilt es, diese umzusetzen.« Die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, sieht es genauso, wie sie erklärte, wenngleich in anderer Reihenfolge. Selbst die ungelenken Debattenversuche unter dem Unwort »Lifestyle-Teilzeit« zielen in dieselbe Richtung.

Als hätten sie sich alle abgesprochen.

Aber fällt nur mir auf: Die rund drei Millionen Arbeitslosen fehlen in der Debatte. Rechnerisch liegt ihr Potenzial bei jährlich 4,8 Milliarden Arbeitsstunden, und das könnte wohl viele Probleme lindern oder manche der oben erwähnten Lösungen ersetzen oder wenigstens ergänzen. Doch die drei Millionen werden kaum einer Erwähnung für würdig befunden, als existierten sie gar nicht oder wären jener proletig-peinliche Teil der Verwandtschaft, über den man nicht gern spricht und deren Fernbleiben bei Familienfesten niemand stört.

In der noch aktuellen Version der »Fachkräftestrategie« aus Ampelzeiten fanden sich auf 39 Seiten zu Arbeitslosen nur ein paar Sätze beiläufigen Desinteresses. Etwa dieser hier: »Die Zahl der Langzeitarbeitslosen und derjenigen im verfestigten SGB-II-Leistungsbezug ist im Zuge der Pandemie gestiegen. Grundsätzlich besteht auch hier ein Arbeitskräftepotenzial.« Mir scheint, diese Art fürsorglicher Verachtung hat System.

Nichts gegen ausländische Fachkräfte, mehr Frauen in Vollzeit oder freiwilliges Längerarbeiten, aber das hat sich als ziemlich kompliziert und langwierig erwiesen. Die gut drei Millionen Arbeitslosen in der Statistik sind als jederzeit bereit und vermittelbar eingestuft. Rund 1,8 Millionen von ihnen beziehen Bürgergeld, sie sind meist länger als ein Jahr arbeitslos, derweil die 1,2 Millionen anderen kürzer ohne Anstellung sind. Müsste sich da nicht zehn- oder am besten hunderttausendfach jemand finden lassen, der eine der immer noch gut 1,2 Millionen offenen Stellen annimmt? Was läuft da schief?

Es ist ja nicht so, als pressiere die Sache nicht: Arbeitskräftemangel gilt als eines der, wenn nicht das größte Wachstumshemmnis. Laut Experten gehen dadurch pro Jahr 50 Milliarden Euro an Bruttosozialprodukt verloren, mehr als ein Prozentpunkt Wachstum, das der Bundeskanzler doch zur »Chefsache« geadelt hat. Ich verstehe das nicht.

Einfache Arbeiten für Ungelernte gelten der Mehrzahl der Verantwortlichen und Experten allerdings als »prekär« oder als »Drehtür-Jobs«, weil Arbeitslose, die sie übernähmen, nicht lange blieben und man sie auf dem Amt darum bald wiedersähe. Was solche Begriffe mit Moral und Stolz von rund sechs Millionen Menschen macht, die in Deutschland Tag für Tag solche »ungelernte« Arbeit tun, kann man sich denken. Wen sie wachsendem Maße wählen, auch.

Und das wird nicht aufhören. Laut Prognosen gehen bis 2029 fünf Millionen Erwerbstätige in Rente, drei Millionen davon haben eine Ausbildung. Wer soll denn bitte die anderen zwei Millionen ersetzen? Die seit vielen Jahren sozialdemokratisch geprägte Beschäftigungspolitik hat für diese Menschen kaum Worte oder strategische Ansprache, so scheint mir, und leider ist das unter dem neuen Bundeskanzler kein Stück besser geworden.

Weiterhin fließen dank tradierter Betreuungsmuster mehr als ein halbes Dutzend Milliarden Euro pro Jahr in Weiterbildung und Umschulung, rund die Hälfte davon aus Beitragsgeldern der (noch) Beschäftigten. Der vermittlungsbeschleunigende Nutzen der verstoffwechselten Summen gilt als umstritten, auf dem nun »meinNow« (früher »Kursnet«) getauften Suchportal der Bundesagentur für Arbeit gehen »coaching«-Angebote in die Tausende und sind mit weitem Abstand der größte Posten. Stichprobenartige Individualeinträge auf Betroffenenportalen legen die Vermutung nahe, es handele sich oft um hirnlose Beschäftigungstherapie.

Das ist schwer zu überprüfen, also Vorsicht, aber die Zahlen zu erfolgreicher Rückkehr in reguläre Arbeit deuten auf Ähnliches hin: Die amtliche Vermittlungsquote der Bundesagentur ist all’ die Jahre stetig gefallen, um fast zwei Drittel. Zwei jüngere Studien belegen, dass von den Bürgergeld-Beziehern im besten Alter (25-50 Jahre) fast die Hälfte noch nie ein Jobangebot bekommen habe und dass Termine beim Arbeitsamt »nichts bringen«. In diesem Zusammenhang wäre eine Erfolgskontrolle in den Arbeitsämtern von Interesse. Die dazu geeigneten »Eingliederungsbilanzen« wurden aber mit Einführung des Bürgergeldes Anfang 2023 spürbar eingeschränkt oder abgeschafft. Man ahnt, das war kein Zufall.

Exkulpierend ist nun häufiger vom großen »mismatch« die Rede, weshalb die vielen Arbeitslosen, ob nun mit oder ohne Ausbildung, auf keine der vielen freien Stellen passen. Das heißt im Klartext: »Wir können das Problem nicht lösen, weil es ein Problem ist.« Und obwohl der freundliche Konservative von nebenan nicht zum Unken neigt, möchte ich sagen: Wenn das der deutsche Ambitionslevel bleibt, können wir wirklich einpacken.

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