Benzin ist ein schlechtes Löschmittel
1. Der Ölschock und die Folgen
Donald Trump drängt die Nato-Verbündeten: Sie sollen helfen, Öltransporte in der Straße von Hormus zu sichern. Andernfalls werde das Bündnis vor einer »sehr schlechten Zukunft« stehen. Während Dänemark für eine solche Mission offen bleiben will, hat der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) Trumps Forderungen mit markigen Worten eine Absage erteilt: »Es ist nicht unser Krieg, wir haben ihn nicht begonnen.« (Alle Entwicklungen hier live.)
Wie meine Kollegen Matthias Gebauer und Paul-Anton Krüger berichten , hatte sich Bundeskanzler Friedrich Merz schon am Freitag bei seinem Besuch in Norwegen ganz ähnlich eingelassen: »Deutschland ist nicht Teil dieses Krieges, und wir wollen es auch nicht werden.« (hier mehr dazu ).
Folgt man allerdings den Argumenten meines Kollegen Benjamin Bidder, dann ist Trumps Irankrieg indirekt doch unser Krieg (hier sein Leitartikel ). Er sei jedenfalls kein fernes Nahost-Drama, sondern trifft Europa direkt – wirtschaftlich, strategisch und sicherheitspolitisch. Der Ölpreisschock wirkt wie eine »Frischzellenkur für den gefährlichsten Gegner des Kontinents: Wladimir Putin«.
Höhere Energiepreise füllen Russlands Kriegskasse und untergraben mühsame Sanktionserfolge gegen Moskau. Damit geraten auch Europas zentrale Interessen in Gefahr: die Schwächung Russlands, der Schutz der Ukraine und die eigene Sicherheit. Europa zahle am Ende doppelt – erst indirekt über teurere Energie und dann über zusätzliche Milliardenhilfen, weil die Ukraine gegen eine stärker finanzierte russische Kriegsmaschine länger durchhalten muss.
Mehr Hintergründe hier: Darum legt sich Berlin mit Trump an
2. Nachmieter gesucht – in der SPD-Parteizentrale!
Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg ist die SPD nur knapp über die Fünfprozenthürde gekommen, in Rheinland-Pfalz könnte sie sich am kommenden Wochenende nach 35 Jahren an der Macht knapp der CDU geschlagen geben müssen, so legen es aktuelle Umfragen nah (hier mehr ).
Für die SPD läuft es dieser Tage nicht rund. Und nun das: »SPD will Parteizentrale schrumpfen« berichtet mein Kollege Andreas Niesmann heute (hier mehr dazu ). Generalsekretär Klüssendorf will künftig etwa die dritte Etage vermieten lassen. Es gehe »nicht vordringlich ums Geldsparen«, so Klüssendorf. Man wolle mit dem Umbau »eine moderne Arbeitsumgebung schaffen«.
Klüssendorf sei nicht der erste Parteimanager mit diesem Plan, berichtet Andreas, aber so groß wie jetzt war der Druck wohl noch nie. Die 16,4 Prozent bei der letzten Bundestagswahl stecken der SPD in den Knochen. Bei der nächsten Wahl gehe es »um das Überleben als relevante politische Kraft«.
Den Bundestagswahlkampf 2029 will die SPD laut ihres Generalsekretärs »als moderne Kampagnenzentrale« führen. Niesmann meint: »Zumindest am Gebäude soll es dieses Mal nicht scheitern.«
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: SPD will Parteizentrale schrumpfen
3. Tabubruch in Brüssel
Für Manfred Weber (CSU), Chef der EVP-Fraktion im Europaparlament, startet die Woche hundsmiserabel. In der europäischen Migrationspolitik sollen Christdemokraten mit Rechts-außen-Parteien kooperiert haben. Verhandler aus Webers EVP und Vertreter mehrerer rechter Fraktionen, unter anderem der AfD, sollen sich unter anderem in einer WhatsApp-Gruppe zu einem Gesetzesvorhaben abgestimmt haben (hier mehr dazu).
Als wäre das nicht schon erklärungsbedürftig genug, macht ausgerechnet ein Vertreter aus Webers eigener Partei jetzt Druck. Alexander Hoffmann, Chef der CSU-Abgeordneten im Bundestag, sagte bei RTL und n-tv: »Diese Chatgruppen, das muss man sich ansehen.« An der Abgrenzung zur AfD dürfe nicht gerüttelt werden, »vor allem eben auch aus dem Umstand heraus, dass die AfD die Zielsetzung hat, die Union zu zerstören«.
Der Vorgang ist politisch heikel, weil er als Tabubruch gelesen werden kann: Konservative, die sich inhaltlich oder organisatorisch an Rechtsradikale anlehnen, normalisieren Positionen des extremen Rands. Meine Kollegin Ann-Katrin Müller bringt es so auf den Punkt: »Die Konservativen haben immer noch nicht verstanden, dass die Brandmauer nicht nur die Demokratie schützt, sondern vor allem die Unionsparteien selbst. Denn wenn sie fiele, wäre die AfD ihrem Ziel einen großen Schritt näher: CDU und CSU zu zerstören.«
Ausgerechnet aus der CSU wirkt die Empörung aber nicht ganz frei von Taktik: Manfred Weber gilt als Widersacher von Markus Söder. Brennts bei dem einen, löscht der andere mit Benzin. Die Brandmauer der Antipathie zwischen den zwei CSU-Alphas – immerhin sie scheint zu stehen.
Mehr zum Thema: Chatgruppe mit AfD – CSU fordert Aufklärung
Was heute sonst noch wichtig ist
Boris Palmer will kein Minister unter Cem Özdemir werden: Bei vielen Grünen ist Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer unbeliebt, Cem Özdemir trat im Wahlkampf dennoch demonstrativ mit ihm auf. Folgt ein Ministeramt in Stuttgart? Nun hat sich Palmer selbst zu den Spekulationen geäußert.
Ver.di ruft in mehreren Bundesländern am Donnerstag zu Nahverkehrsstreiks auf: Fahrgäste im kommunalen Nahverkehr müssen vor allem am Donnerstag mit deutlichen Einschränkungen rechnen. In mehreren Bundesländern legen Beschäftigte die Arbeit nieder.
Ex-Dombaumeisterin kritisiert geplantes Eintrittsgeld für Kölner Dom: Touristen sollen im Kölner Dom künftig zur Kasse gebeten werden. Die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner hält das für falsch. Sie warnt: Eintrittsgelder könnten den Charakter des Baus nachhaltig verändern.
Führende Linke kritisieren massives Antisemitismusproblem in der Partei: Niedersächsische Linke jubeln über einen »Zionismus«-Beschluss, der Antisemitismusbeauftragte Brandenburgs verlässt daraufhin die Partei. Bodo Ramelow warnt nun seine Partei vor einer Sektenwerdung .
Meine Lieblingsgeschichte heute: »Gehts Euch gut? Liebe Grüße von Tanja«
Dschungelkönigin und Ex-Frau von Boris Becker Lilly Becker verklagt die Unterhaltungschefin der »Bild«, Tanja May. Was dahintersteckt, hat mein Kollege Alexander Kühn recherchiert und aufgeschrieben.
Im Kern dreht sich der Konflikt offenbar um Vereinbarungen, in denen Becker sich Freigaberechte für Text und Fotos in der »Bild« sicherte – und um den Vorwurf, dass diese Zusagen später nicht eingehalten wurden. Der Fall ist nicht nur ein Lehrstück über die dunkle Seite des Showbiz, sondern über ein universelles Risiko in jeder professionellen Beziehung: den Vertrauensbruch.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: »Gehts Euch gut? Liebe Grüße von Tanja«
Was heute weniger wichtig ist
Fußball, Sex und Videospiele: Nächte an der Playstation, ständig Sex und massenhaft Kekse – Ex-Bayernstar Zé Roberto, 51, hat nach eigenen Angaben eine Zeit lang so gelebt; gutgetan habe es ihm nicht. So erzählt er es dem brasilianischen TV-Sender Globo. »Als ich frisch verheiratet war, war ich wie ein Hahn«, sagte er – mit Auswirkungen auf seine fußballerische Leistung: »Ich war den ganzen Tag im Liebestaumel und nachts ging es an die Videospiele. Meine Leistungsfähigkeit war völlig dahin; ich kam mit dunklen Ringen unter den Augen zum Training. Stellt euch das mal vor: Der Kerl zelebriert den ganzen Tag seine Beziehung und verliert nachts den Schlaf, weil er Videospiele spielt.«
Mini-Hohl
Hier finden Sie den ganzen Hohl.
Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Vergessen Sie den Trailer! Wer die Vorschau zum Oscargewinner »One Battle After Another« anschaut, verliert die Lust auf einen der besten Filme seit Langem. So ging es jedenfalls mir. Leonardo DiCaprio als trotteliger Held im Bademantel, irres Klavierklimpern zu Maschinengewehrsalven, die eine hochschwangere Frau abfeuert. Was soll das? Dazu Dialogfetzen aus der Klischeekiste: »Weißt du, was Freiheit ist?«, »Was?«, »Nichts zu fürchten.«
Dann aber stolperte ich über die Filmkritik meines Kollegen Andreas Borcholte (hier nachzulesen ), in der es heißt, dem US-Regisseur Paul Thomas Anderson sei ein »Wunderwerk gelungen«. Hinter dem lakonischen Titel seines Films verberge sich eine meisterhafte Mogelpackung. »One Battle After Another« sei eben kein »Genrekino vom Hollywood-Fließband«, sondern »unterhaltsam«, »auf begeisternde Art rasant« und »berührend komisch«.
Als ich schließlich las, dass Schauspielerin Jennifer Lawrence, die für ihre bissige Kritik gegenüber Branchenkollegen bekannt ist, vom »besten Film, den ich je gesehen habe« sprach und ausführte, es gebe »keine einzige überflüssige Minute, an keiner Stelle zieht er sich in die Länge«, hatte ich den nervigen Trailer vergessen.
Ich finde: Lawrence und die Oscar Academy haben nicht übertrieben. Es ist ein fantastischer Film. Wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte sich dringend eine eigene Meinung bilden!
Einen schönen Abend wünscht,
Ihre Anna Clauß, Leiterin Meinung und Debatte
Verteidigungsminister Pistorius, Koalitionspartner Merz
Foto:Britta Pedersen / picture alliance
SPD-Generalsekretär Klüssendorf, Willy-Brandt-Statue: Lange Flure und kleine Büros dominieren
Foto:Fabian Sommer / dpa / picture alliance
Alexander Hoffmann, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag
Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa»Bild«-Berichterstattung über Lilly Becker 2023: Enttäuschte Beziehung
Foto: [M] DER SPIEGEL; Ausrisse: BILDA3817 Tobias Hase/ dpa
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