Morgens Raser, abends Fahrlehrer
Ich möchte Ihnen ein Geheimnis anvertrauen. Anfang Dezember 1990 fiel ich durch die Fahrprüfung – nicht durch die praktische, wie Sie nun vielleicht annehmen könnten, sondern unglaublicherweise durch die theoretische. Meiner Erinnerung nach scheiterte ich unter anderem an zwei Fragen zum Thema »Anfahren am Berg« und »Verhalten bei einem Wildunfall«. Hohn und Spott schlugen mir entgegen; noch heute werde ich von alten Freunden damit aufgezogen.
Natürlich musste ich unweigerlich an diese Jungmänner-Pein denken, als ich den neuen Text von Lukas Kissel las. Es geht darin um ein Modell aus Österreich, bei dem auch Eltern ihren Kindern das Autofahren beibringen dürfen. Ob ich unter Mutters Anleitung besser ausgesehen hätte, weiß ich nicht. Im Nachbarland erfreut sich das Konzept auf jeden Fall großer Beliebtheit. Doch ist es auch sinnvoll?
Eine wichtige Frage, denn Deutschlands Verkehrsminister Patrick Schnieder plant, die Ausbildung durch Laien auch hierzulande einzuführen. Dabei handelt es sich um eine der Maßnahmen, mit der der CDU-Politiker den Führerschein günstiger machen will. Der kostete 2025 im Schnitt 3228 Euro – etwa 1000 Euro mehr als fünf Jahre zuvor. »Menschen, die auf individuelle Mobilität angewiesen sind, müssen den Führerschein zu bezahlbaren Preisen machen können«, sagte Schnieder kürzlich.
Ich kann dem nur zustimmen und begrüße allein schon wegen meiner eigenen schmerzhaften Erfahrungen, dass Schnieder knapp ein Drittel der Prüfungsfragen streichen will (hoffentlich auch die, in denen es um Wildunfälle und Bergfahrten geht). Ich räume aber ein, dass ich zunächst leichte Bauchschmerzen bekam, als ich von dem Konzept aus Österreich hörte. Mir fielen sofort etliche Väter ein, die als Vorbilder nicht taugen, vor allem am Steuer nicht. Wenngleich meine Empirie zu Erziehungsberechtigten, die zum Rasen neigen, eher klein ist. Und so habe ich mit großem Interesse Kissels Report gelesen.
Mein Kollege hat unter anderem mit Fahrlehrern über das Konzept der Österreicher gesprochen. Dass die skeptisch sind, verwundert mich nicht, schließlich drohen ihnen enorme Einnahmeverluste, wenn demnächst Mama, Papa, Opa oder Oma einen Teil der Fahrausbildung übernehmen. Die Einschätzung eines Unfallforschers überraschte mich allerdings. Sie auch?
Herzlich,
Ihr Guido Kleinhubbert
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