Was Trump wirklich sein möchte
Raten Sie mal, wer das hier gesagt hat: »Im Namen Jesu befehlen wir, dass alle satanischen Schwangerschaften in Fehlgeburten enden sollen.«
Die Worte stammen aus dem Mund von Paula White-Cain , der »spirituellen Beraterin« des aktuellen US-Präsidenten. Sie leitet auch Donald Trumps »White House Faith Office«. White ist eine der zahlreichen evangelikalen Unternehmerinnen und Unternehmer, die unter dem Deckmantel der Religiosität nicht nur absoluten Irrsinn verbreiten, sondern auch reich werden : mit ihren eigenen Kirchen, TV-Shows und so weiter.
Aus dem Fernsehen kannte auch Donald Trump seine gegenwärtige Glaubensberaterin: Er sah ihre Show und heuerte sie an. Whites Vorgänger sitzt wegen sexuellen Missbrauchs einer Zwölfjährigen in Haft. White hatte sich rechtzeitig ins Spiel gebracht. Etwa indem sie 2017 öffentlich erklärte , Trump sei »von Gott erhöht« worden: »Es ist Gott, der einen König erhebt.«
Das Zentrum der Priestertraube
White ist auch auf einem in der vergangenen Woche durch die (sozialen) Medien gereichten Clip zu sehen. Trump sitzt darin am Schreibtisch im Oval Office, umgeben von 18 Männern und zwei Frauen, alles »Pastoren«. Die meisten berühren einander, eine Hand segnend erhoben.
Das Zentrum der Priestertraube ist Trump. Von seiner eigenen Gesalbtheit augenscheinlich entrückt, sitzt er mit geschlossenen Augen und übereinandergelegten Händen am Tisch. Segnende Hände ruhen auf seinen Schultern und seinem Rücken, darunter natürlich auch die von Paula White. Sie trägt als einzige in einem Raum voller dunkler Anzüge einen roten Blazer. So übersieht man sie auf keinen Fall.
Die bizarre Segnungsszene mit explizitem Kriegsbezug sorgte vielerorts für Spott, denn US-Außenminister Marco Rubio hatte noch kurz vorher erklärt : Iran, das Land, das die USA und Israel nun bombardieren, werde von »wahnsinnigen religiösen Fanatikern« regiert. Aber was für Leute regieren die USA, fragt man sich da.
»Von Jesus gesalbt«
Reaktionäre Evangelikale machen einen wesentlichen Teil von Donald Trumps Wählerschaft aus. White nennt den verurteilten Kriminellen und dokumentierten Ehebrecher Trump den »größten Verteidiger des Glaubens, den wir in der Exekutive jemals hatten«.
Als der Angriff auf Iran begann, erlebten viele US-Soldatinnen und -Soldaten seltsame Augenblicke . Bei offenbar angeordneten Erweckungsveranstaltungen wurden sie mit der These konfrontiert , der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen Iran sei ein »Teil des heiligen Plans Gottes«. Trump selbst sei »von Jesus gesalbt worden, um in Iran das Signalfeuer zu entzünden, Armageddon herbeizuführen und seine Rückkehr anzuzeigen«. Vergleichbare Veranstaltungen mussten offenbar Militärangehörige an über 50 Standorten über sich ergehen lassen .
Flankierend erklärte der republikanische Senator Lindsey Graham vor laufenden Kameras, es handele sich bei dem Angriff auf Iran um einen »religiösen Krieg«, der »die Zukunft des Nahen Ostens für tausend Jahre formen« werde. Von Verteidigungsminister Pete Hegseth weiß man, dass er ebenfalls zu reaktionärem religiösen Fanatismus neigt.
Woran Donald Trump wirklich glaubt, ist schwer zu sagen, mit einer Ausnahme: Oft hat man den Eindruck, er hält sich der Einfachheit halber selbst für den Messias.
Religionskrieg als Vermarktungsstrategie
Für Trumps Regierung ist die Idee vom Religionskrieg vermutlich nicht zuletzt ein Marketinginstrument: Der Angriff auf Iran ist in der Geschichte US-amerikanischer Militäraktionen einzigartig unpopulär . Warum also nicht eine Prise Armageddon für die zahlreichen religiösen Fanatiker unter den eigenen Anhängern?
Die bizarre Segnungsszene im Oval Office erinnert ein bisschen an die »Waffensegnungen« des Mittelalters: In dem Gebet, das dort gesprochen wurde, ging es nicht nur um Trump, sondern auch um »unsere Truppen«. Bei Trump selbst kann man schon länger den Eindruck bekommen, dass er die Idee, er sei ein Präsident von Gottes Gnaden, aktiv befördert .
Gottesgnadentum, Gottesgnadentum, da war doch was, damals im Geschichtsunterricht? Genau: Das Gottesgnadentum war »eine Begründung für monarchische Herrschaftsansprüche«, die Idee, dass königliche Macht direkt vom Allmächtigen durchgereicht wird an den aktuellen Herrscher. Seine letzte große Blüte erlebte das Gottesgnadentum im 17. und 18. Jahrhundert, im Absolutismus. Ludwig XIV., der »Sonnenkönig« war sein wohl größter Fan und Profiteur. Aber schon seit dem frühen Mittelalter ließen sich europäische Herrscher »salben«, also von Priestern zu Abgesandten Gottes erklären.
Es gibt da einige Parallelen
»Sein Gottesgnadentum entzieht den Herrscher jeglicher irdischer Gerichtsbarkeit und verlangt vom Untertan bedingungslosen Gehorsam«, so der Deutschlandfunk zu Ludwig XIV. Erinnert Sie das an irgendjemanden?
Auch Donald Trump reagiert bekanntlich äußerst ungehalten, wenn die »irdische Gerichtsbarkeit« sich einmal erdreistet, ihm in die Parade zu fahren. Eben erst hat Trumps willfähriges Justizministerium ein bemerkenswertes Schriftstück bei einem Berufungsgericht eingereicht, das mit diesen Worten beginnt: »Gerichte können dem Präsidenten nicht vorschreiben, was er zu sagen hat.« Gemeint ist, das wird auf den folgenden 97 Seiten augenscheinlich sehr klar: Gerichte haben dem Präsidenten gar nichts zu sagen.
Parallelen zwischen Trump und dem Sonnenkönig enden da aber noch lange nicht. Trump ist bekanntlich – ebenso wie Ludwig XIV. – augenscheinlich oft mehr an seinen Bauprojekten und an möglichst viel Gold überall in Sichtweite interessiert als an seinen Amtsgeschäften. Als er kürzlich zu den Familien im Zuge des Irankriegs getöteter Soldaten sprach, die posthum einen Orden erhielten, konnte er sich einen ausgiebigen verbalen Ausflug nicht verkneifen: Es ging darin um die zu erwartende Großartigkeit des Ballsaals, für den Trump den Ostflügel des Weißen Hauses abreißen ließ und seine sonstigen Innovationen: »Ich habe diese Vorhänge während meiner ersten Amtszeit ausgesucht«, verriet der US-Präsident den Angehörigen getöteter Soldatinnen und Soldaten stolz, »ich habe Gold immer gemocht«.
Ludwig XIV. fand Zölle auch prima
Die bevorzugte Form des Wirtschaftens im absolutistischen Frankreich war der sogenannte Merkantilismus : »Um die Wirtschaftskraft der Länder zu stärken, sollten viele Waren an das Ausland verkauft und möglichst wenige Waren im Ausland eingekauft werden«, so erklärt die Bundeszentrale für politische Bildung diese Art der Wirtschaftspolitik. »Um dieses Ziel zu erreichen, wurden hohe Zölle auf Importwaren, also Güter, die ins Land hineinkamen, erhoben.«
Kommt Ihnen das bekannt vor?
Einen wichtigen Unterschied zwischen Donald Trumps Amerikavision und den absolutistischen Barockstaaten gibt es allerdings: den Adel. In den USA, aktuell weiterhin eine 250 Jahre alte Demokratie, gibt es so etwas eigentlich nicht. Einen Hofstaat hat Donald Trump zweifellos um sich geschart, insbesondere in seiner zweiten Amtszeit: Lauter willfährige Speichellecker, die ihm in Kabinettssitzungen öffentlich schmeicheln müssen. Und eine Entsprechung für den Hochadel, die Superreichen der Zeit Ludwigs XIV., gibt es natürlich auch: All die Milliardäre, die Donald Trump jetzt huldigen, seine Amtseinführung mit Millionen finanzierten und auch weiterhin ständig für irgendetwas spenden müssen (etwa den Ballsaal ). Die USA sind auf dem Weg in den Neofeudalismus.
Wie ging die Sache noch mal aus?
Donald Trump versteht nicht viel von Geschichte. Trotzdem kann kein Zweifel daran bestehen, wer und was er gern wäre: Ein absolutistischer Herrscher von Gottes Gnaden, mit unbegrenzten Privilegien, einem willfährigen Hof und einem Land, das alle seine Kriege, extravaganten Wünsche und Impulse klaglos finanziert und anschließend bejubelt.
Der französische Absolutismus ist Ende des 18. Jahrhunderts auf bekanntlich recht blutige Weise zu Ende gegangen. Die Männer, die die US-Verfassung schrieben, wurden nicht zuletzt von den Exzessen absoluter Machtausübung geleitet. Ein zentrales Ziel war, eine derartig unkontrollierte Form der Herrschaft in den Vereinigten Staaten von Amerika für immer unmöglich zu machen.
Spätestens im November 2026, wenn Trumps Republikaner die Zwischenwahlen krachend verlieren müssten, werden wir wissen, ob die Gründerväter der USA mit diesem Plan tatsächlich erfolgreich waren.