Eine Mannschaft wie im Rausch

Der letzte Pulsanstieg: Da war sie wieder, die große Chance für Kroatien, dieses EM-Halbfinale nochmals spannend zu machen. Nach einem deutschen Fehlwurf marschierte David Mandic direkt durch die Mitte. Es hätte das Tor zum 27:29 bedeuten können, bei noch drei Minuten Spielzeit wäre der Kampf um das Handballfinale wieder offen gewesen. Mandic gegen Andreas Wolff: Der Kroate warf rechts vorbei. Ein Raunen ging durch die Halle im dänischen Herning, besonders bei den deutschen Fans.

Ergebnis des Spiels: Kurz darauf war es vorbei, 31:28, Deutschlands Handballer stehen im Finale der EM. Das Endspiel steigt am Sonntag um 18 Uhr (TV: ZDF, Stream: Dyn), Gegner ist Gastgeber Dänemark. Wenn Sie das deutsche Halbfinale noch einmal ganz genau erzählt bekommen möchten, finden Sie hier das Minutenprotokoll.

Eine Busfahrt, die ist nicht lustig: Aus deutscher Perspektive hatte man das gar nicht so richtig auf dem Zettel: Die EM spielt sich nicht nur in Dänemark ab. Während das deutsche Team bislang bequem in Herning bleiben durfte, wurde parallel auch in Schweden und Norwegen gespielt. Kroatien war bisher in Malmö zugange und musste nun für das Halbfinale nach Herning übersiedeln. Das ärgerte Kroatiens Nationaltrainer Dagur Sigurðsson: »Wir mussten vier Stunden herfahren. Sie haben uns in einen Bus gesteckt wie gefrorene Hähnchen«, schimpfte er auf einer denkwürdigen Pressekonferenz, bei der er dem europäischen Handballverband noch einige weitere Vorwürfe machte. Da scheint noch Klärungsbedarf zu sein.

Schnelles Wiedersehen: Im Grunde hatte die EM für das deutsche Team bereits mit den letzten beiden Testspielen begonnen, sozusagen der Feinschliff kurz vor dem Turnierstart. Der Gegner Anfang Januar: Kroatien. Zwei Siege (33:27, 32:29) nahm die Mannschaft zwar mit, doch vor dem Halbfinale war klar, dass sich jetzt ein anderes Spiel ergeben würde. Respekt hatten die Deutschen, Angst dagegen keine. Wie selbstbewusst sie auftraten, zeigte sich schon in der siebten Minute, als Vorbereiter Lukas Mertens und der in den Kreis heranfliegende Renārs Uščins einen sehenswerten Kempatrick zum 4:4 vollendeten.

Ein Rhythmus: 5:5, 6:6, 7:7, 8:8, 9:9, 10:10, 11:11, 12:12, 13:13 – im Gleichschritt ging es hin und her, kein Team konnte sich absetzen. Die Kroaten wirkten im Angriff phasenweise sogar etwas gefälliger, doch Deutschland hatte den besseren Mann zwischen den Pfosten. DHB-Torhüter Andreas Wolff, natürlich Andreas Wolff, war nach rund 23 Minuten bereits mit sechs Paraden zur Stelle. Kroatiens Torwart Dominik Kuzmanović brachte es zur gleichen Zeit auf eine einzige Rettungstat, bei 13 Würfen.

Wortführer: Die starke Vorstellung im entscheidenden letzten Hauptrundenspiel gegen Frankreich (zehn Treffer) hat Juri Knorr endgültig von der Last einer bisher mittelmäßigen EM-Leistung befreit . Vier Minuten vor der Pause gegen Kroatien stand er nun in der Auszeit, hörte Bundestrainer Alfreð Gíslason zu, und meldete sich plötzlich selbst zu Wort: »Warte mal.« Knorr skizzierte seine Idee, wie man den nächsten Angriff aufziehen sollte. Wenig später fiel tatsächlich das Tor. Eingeleitet: von Knorr. Vollendet: von Lukas Zerbe zum 15:13, der ersten Zwei-Tore-Führung überhaupt in dieser Partie.

Mahner und Macher: »Wir haben noch nichts gewonnen«, sagte Johannes Golla während einer Auszeit in der 38. Minute. Doch zu diesem Zeitpunkt sprach fast alles für die deutschen Handballer: 22:16. Die Abwehr griff immer besser ineinander, Kroatiens Torjäger Ivan Martinović fand kaum noch Lücken. Auf Gollas Worte folgte zwar ein kroatischer Treffer – der erste nach sieben torlosen Minuten –, doch Sekunden später stellte Lukas Mertens mit seinem nächsten Wurf den alten Abstand wieder her: 23:17. Es lief.

Reifeprozess: Die Kroaten hatten zwar über die Anreise von Malmö nach Herning geklagt, doch auch die Deutschen kamen mit Reiseerschöpfung ins Spiel. In der Hauptrunde hatten sie Portugal, Norwegen, Spanien und Frankreich abgehängt, allesamt Topnationen. Und das gelingt nur einer echten Spitzenmannschaft. Genau diesen Eindruck vermittelten die deutschen Handballer in der zweiten Hälfte immer deutlicher: Früh bauten sie den Vorsprung aus, Zerbe, Golla, Knorr, Mertens oder Fischer wechselten sich beim Torwurf ab.

Spieler des Spiels: Das wurde Andreas Wolff, den haben die Deutschen ja auch noch. Mit 13 Paraden unterstrich er einmal mehr, warum er zur höchsten Weltspitze gehört; für ihn ist das inzwischen fast Routine. Die Ehrung wird er sicher mit seinen Teamkollegen teilen: Die Abwehr vor ihm hatte mindestens den gleichen Anteil am Weiterkommen.

Rechnung des Spiels: Starker Wolff + viele verschiedene Torjäger + starke Abwehr – alles passte gegen Kroatien. In der Summe ergibt das eine Mannschaft, die titelfähig ist.

Ausblick: 26:31 (im Hauptrundenspiel dieser EM), 30:40 (im Hauptrundenspiel bei der WM 2025), 26:29 (EM-Halbfinale 2024), 26:39 (Olympiafinale 2024), aus deutscher Sicht gerieten die letzten großen Auftritte gegen Dänemark sämtlich eher zum Lehrstück. Um tatsächlich erstmals seit 2016 wieder Handball-Europameister zu werden, bräuchte dieses Team einen weiteren Kraftakt, einen letzten. Es müsste zeigen, dass es aus den letzten Niederlagen gegen Dänemark gelernt hat.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text aktualisiert, als feststand, dass Dänemark Deutschlands Gegner im Finale sein würde.

Knorr: In Topform ein Anführer

Foto: Sina Schuldt / dpa

Torhüter: Wieder ein starker Rückhalt

Foto: Sina Schuldt / dpa

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