»Creepy Don« versetzt die Welt in Angststarre
1. »Creepy Don« und die »guten Signale für Deutschland«
Nach Donald Trumps Rückkehr ins Präsidentenamt gratulierte AfD-Chefin Alice Weidel öffentlich und schrieb: Die Wahl sei ein »gutes Signal für Deutschland«, nicht »das woke Hollywood« habe entschieden, »sondern die arbeitende amerikanische Bevölkerung«.
Die »guten Signale für Deutschland« aktuell sind Dieselpreise von zeitweise mehr als drei Euro pro Liter (hier mehr dazu ), eine Inflation, die laut der Ökonomin Isabella Weber »schnell bei vier bis fünf Prozent Inflation landen« könnte (hier mehr dazu ) oder eine Debatte darüber, wie die Bundeswehr die Straße von Hormus absichern könne, sollte der von Trump und seinem Buddy Benjamin Netanyahu angezettelte Irankrieg enden.
Der US-Präsident verspottete seinen Vorgänger Biden gern als »Sleepy Joe«. Angesichts des Jähzorns und des bodenlosen Dilettantismus von Trump müsste man ihn eigentlich »Creepy Don« taufen. Ein Großteil der iranischen Führungsriege ist zwar ausgelöscht, die britische »Times« berichtet zudem, dass auch der neue Religionsführer Mojtaba Khamenei im Koma liege. Doch das Regime gilt als intakt und hält die Weltwirtschaft weiterhin als Geisel. Die USA und Israel beißen sich die Zähne aus, Trump droht mit Kriegsverbrechen. »Eine ganze Zivilisation wird heute Abend sterben« (hier mehr).
Zurück zur AfD. Die nächsten Landtagswahlen in Deutschland finden am 6. September in Sachsen-Anhalt statt. Der AfD-Spitzenkandidat dort, Ulrich Siegmund, sagte schon vor zehn Jahren, seine Politik sei »gegen eingefahrenen Politikfilz, Mauscheleien, Steuerverschwender und ideologische Scheuklappen« gerichtet. Das Donald-Trump-Playbook auf Sächsisch sozusagen. Nun hat Siegmund nicht die Wirkmacht eines Donald Trump. Aber wohin es führt, wenn Amateure einfache Antworten versprechen und deshalb demokratisch ins Amt gewählt werden, lässt sich gerade täglich auf Friedhöfen und Tankstellen begutachten.
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2. E-Autos überholen Benziner bei Neuzulassungen
Apropos Tankstellen: Im März, dem ersten Monat nach Beginn des Irankriegs, ist der Absatz neuer Elektroautos in Deutschland um 66,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Nach Angaben des Kraftfahrt-Bundesamts wurden 70.663 vollelektrische Pkw neu zugelassen. Mit einem Anteil von 24 Prozent überholten E-Autos Benziner, deren Verkäufe ebenso wie die der Dieselfahrzeuge sanken.
Hybride blieben mit 40 Prozent Marktanteil die dominierende Antriebsart, darunter 10,2 Prozent Plug-in-Hybride. Insgesamt wuchs der Neuwagenmarkt um 16 Prozent auf 294.161 Fahrzeuge, der höchste Monatswert seit Juni 2024. Vor allem private Zulassungen legten zu. Seit Januar gewährt der Staat wieder einen einkommensabhängigen E-Auto-Zuschuss, die hohen Spritpreise dürften aber der eigentliche Treiber sein.
Ausgerechnet Donald Trump könnte dem globalen Klimaschutz und der Energiewende den größten Schub seit 30 Jahren geben – wider Willen, glaubt meine Kollegin Susanne Götze aus dem Wissenschaftsressort. »Noch nie hat ein Politiker in so kurzer Zeit für so viele überzeugende Argumente gesorgt, sich von Öl und Gas zu verabschieden.«
Lesen Sie hier mehr: Zahl neuer E-Autos steigt um 66 Prozent
3. Koalitionsstreit über das Schwarzfahren
Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) will prüfen, ob das Fahren ohne Fahrschein weiterhin als Straftat gelten soll. Hintergrund sind überlastete Gerichte und Gefängnisse. Sie regt eine Entkriminalisierung des sogenannten Schwarzfahrens an und fragt, ob Menschen, die sich keinen Fahrschein leisten können, wirklich ins Gefängnis gehören. Typischer Ablauf: Erst gibt es das erhöhte Beförderungsentgelt (meist 60 Euro), zusätzlich kann der Verkehrsbetrieb Strafanzeige stellen, oft gerade bei Mehrfachtätern. Die Gerichte verhängen in der Regel Geldstrafen (Tagessätze), ins Gefängnis kommt man in der Praxis meistens durch Ersatzfreiheitsstrafe, also wenn man die rechtskräftige Geldstrafe nicht bezahlt.
Hubig greift damit ein Vorhaben der Ampelkoalition wieder auf, das nach dem Ausscheiden der FDP aus der Regierung nicht mehr umgesetzt wurde. Schon bei den Koalitionsverhandlungen zur aktuellen Regierung brachte die SPD das Thema ins Gespräch, konnte sich aber nicht durchsetzen.
Der Koalitionspartner Union lehnt das noch immer strikt ab. Unionsfraktionsvize Günter Krings (CDU) hält das Schwarzfahren für ein gemeinschädliches Betrugsdelikt und warnt, Kontrollen würden ohne Strafrecht wirkungslos. Höhere Ticketpreise für ehrliche Fahrgäste seien die Folge.
Unterstützung erhält Hubig vom Deutschen Anwaltverein, der auf Kosten von rund 200 Millionen Euro jährlich für Verfahren und Haftstrafen verweist. Auch die Linke fordert seit Jahren eine Entkriminalisierung und nennt den Paragrafen »ungerecht«. Parteichefin Ines Schwerdtner fordert zudem günstigere Ticketpreise und ein Comeback des 9-Euro-Tickets. Derzeit droht bei »Beförderungserschleichung« laut Paragraf 265a eine Geld- oder Ersatzfreiheitsstrafe; jährlich sitzen etwa 7000 bis 9000 Menschen dafür ein.
Lesen Sie hier mehr: Union stemmt sich gegen Entkriminalisierung des Schwarzfahrens
Was heute sonst noch wichtig ist
Gericht verurteilt Raser nach tödlichem Autorennen zu lebenslanger Haft: Ein illegales Autorennen in Ludwigsburg kostete zwei junge Frauen das Leben. Der Unfallverursacher wurde nun wegen Mordes schuldig gesprochen. Bis kurz vor dem Aufprall soll er Vollgas gegeben haben.
Ehemaliger Bundespostminister Christian Schwarz-Schilling ist tot: Die CDU trauert um Christian Schwarz-Schilling. Er war Bundestagsabgeordneter und Minister für Post und Telekommunikation. Nun ist er im Alter von 95 Jahren gestorben.
Karin Bergmann wird vorerst Intendantin der Salzburger Festspiele: Nach dem erzwungenen Abschied von Markus Hinterhäuser übernimmt die frühere Burgtheater-Chefin Karin Bergmann bis Herbst 2027 die Leitung der Salzburger Festspiele. Ihre erste Baustelle: die Führungskultur.
Vance wirft der EU Wahlkampfeinmischung in Ungarn vor, während er sich in den ungarischen Wahlkampf einmischt: In wenigen Tagen wählt Ungarn ein neues Parlament, Ministerpräsident Orbán schwächelt in den Umfragen. US-Vizepräsident Vance hilft dem befreundeten Regierungschef jetzt vor Ort und beschimpft die Europäische Union.
Mein Lieblingsblog: Schwere Kost in der Schwerelosigkeit
Nach ihrem historischen Flug um den Mond sind die vier Astronauten der Nasa-Mission Artemis 2 auf dem Rückweg zur Erde. Nachdem die Raumfahrer am Montag mit 406.778 Kilometer Entfernung zur Erde einen neuen Rekord aufgestellt und den Mond umrundet hatten, schwenkte ihr »Orion«-Raumschiff in der Nacht zum Dienstag auf eine Rückkehrbahn zur Erde. In unserem News-Update können Sie alle Entwicklungen live verfolgen.
Lesen Sie hier den ganzen Blog: Nutella-Glas wird zum Star der Artemis-2-Mission
Was heute weniger wichtig ist
Keine West: Die britische Regierung verweigert dem US-Rapper Ye, ehemals Kanye West, 48, die Einreise. Das hat das Innenministerium entschieden. Er sollte beim Wireless Festival im Finsbury Park in London vom 10. bis zum 12. Juli auftreten, sorgte jedoch mit antisemitischen und rassistischen Aussagen immer wieder für Schlagzeilen. Noch kürzlich entschuldigte er sich jedoch: »Ich bin weder ein Nazi noch ein Antisemit.«
Mini-Hohl
Hier finden Sie den ganzen Hohl.
Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Könnten Sie auf Netflix die Doku »Inside the Manosphere« schauen. Der Filmemacher Louis Theroux untersucht in der Onlinesubkultur ein Netzwerk von meist männlichen Influencern, die ein hypertraditionelles, oft offen frauenfeindliches Männlichkeitsbild propagieren und daran Geld verdienen. Die Doku zeigt, wie diese Szene Misogynie, Verschwörungserzählungen, Fitness-Kult und dubiose Finanzmodelle (Krypto, Trading, Coaching-Programme) verbindet, um Klicks zu generieren. Meine Kollegin Anja Rützel schreibt in ihrer Rezension: »Was sie leider weniger zeigt, ist ihre banale Effizienz: Das informelle, monströse Männerbündnis ist ja eben kein Gruselkabinett, sondern eine beängstigend funktionale Infrastruktur aus männlicher Kränkung.« Hier sehen Sie den Trailer auf YouTube.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts
US-Präsident Donald Trump
Foto:Tom Williams / Newscom / ddp
Auslieferungstürme mit Neuwagen von Volkswagen in Wolfsburg
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Klaus Stuttmann
Dokumentarfilmer Theroux: Mit vermeintlich höflich-argloser Da-schau-mal-an-Pose
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