Wie viele Syrer dürfen’s noch sein, Herr Merz?

1. Ahmeds Wunsch und Friedrichs Beitrag

Dass sich Friedrich Merz vorgenommen hat, die Zahl der in Deutschland lebenden Schutzsuchenden möglichst drastisch zu reduzieren, ist kein Geheimnis: Vor allem damit will der Bundeskanzler Wähler von der AfD zurückgewinnen. Gleichzeitig muss Merz die Koalition mit der viel weniger rückführungswilligen SPD zusammenhalten – einer extrem geschwächten Partei, der er zurzeit keine großen Zugeständnisse abverlangen kann.

Ob dem Kanzler die jüngste Verwirrung um seine Aussagen bei einer Pressekonferenz mit dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa dabei geholfen hat, die Koalition zu stabilisieren und Vertrauen in seine Politik zu schaffen, darf allerdings bezweifelt werden: »In der längeren Perspektive der nächsten drei Jahre, das ist der Wunsch von Präsident Sharaa gewesen, sollen rund 80 Prozent der in Deutschland sich jetzt aufhaltenden Syrerinnen und Syrer in ihr Heimatland zurückkehren«, hatte Merz gesagt  – und das ließ sich durchaus so verstehen, als mache sich der Kanzler diesen Wunsch zu eigen. Prompt hagelte es Kritik, nicht nur von Linken und Grünen: Feste Zahlen in festen Zeiträumen seien politisch riskant, mahnte auch der Koalitionspartner. Gleichzeitig warnte der Gesundheitsbereich vor Folgen für Kliniken und Pflege – syrische Ärztinnen und Ärzte stellen eine der größten Gruppen ausländischer Mediziner in deutschen Krankenhäusern.

Heute meldete sich Merz erneut zu Wort: »Die Zahl von 80 Prozent Rückkehrern innerhalb von drei Jahren hat der syrische Präsident genannt«, sagte der Kanzler. »Wir haben diese Zahl zur Kenntnis genommen, sind uns aber der Dimension der Aufgabe bewusst.«

  • Lesen Sie hier mehr: Merz will sich 80-Prozent-Ziel für Rückkehrer nach Syrien nicht zu eigen machen

2. Zu 99 Prozent schuldig

Die Todesstrafe gilt als barbarisch und wenig effektiv bei der Abschreckung von Straftätern, zudem birgt ihre Anwendung stets die Gefahr, aufgrund eines fehlerhaften Urteils eine unschuldige Person ums Leben zu bringen. Die staatlich sanktionierte Blutrache ist einer fortschrittlichen Gesellschaft also schon grundsätzlich unwürdig, doch die nun in Israel vom Parlament beschlossene Variante nimmt dazu nur eine bestimmte Gruppe ins Visier: Sie soll praktisch nur für Palästinenser gelten .

»Konkret geht es bei dem Vorhaben darum, dass Bewohner des Westjordanlands, die von Militärgerichten wegen tödlicher Terrorakte verurteilt werden, künftig standardmäßig durch den Strang hingerichtet werden«, berichtet mein Kollege Thore Schröder. Für Kritiker sei das Gesetz ein weiterer Beleg dafür, »wie sehr der Staat in den besetzten Gebieten Israelis und Palästinenser unterschiedlichen Rechtssystemen und Gesetzen unterwirft. Denn Palästinenser im Westjordanland landen grundsätzlich vor israelischen Militärgerichten, die laut israelischen Menschenrechtsorganisationen eine Verurteilungsrate von über 99 Prozent haben, israelische Siedler dagegen vor Zivilgerichten – eine Zweiteilung, die das neue Gesetz weiter zementiert.«

  • Lesen Sie hier mehr: Israel verabschiedet sich im Rekordtempo von den Werten des Westens 

3. Von Walen und Wölfen

Während das Drama um den wiederholt auf Grund gelaufenen Buckelwal vor der deutschen Ostseeküste andauert (als diese Zeilen entstehen, steckt das Tier in der Bucht von Kirchdorf vor der Insel Poel fest), schiebt sich ein weiteres Wildtier ins Bewusstsein der Öffentlichkeit: In Hamburg ist eine Frau mitten in der Innenstadt von einem Wolf gebissen worden .

Das gleichzeitige Eindringen der beiden Tiere in die kollektive Wahrnehmung ist zufällig – und bemerkenswert verschieden: »Während sich der Buckelwal auf der Sandbank vor Anteilnahme kaum retten kann, erzeugt der Wolf im Einkaufszentrum vor allem Angst«, beobachtet mein Kollege Arno Frank . »Das verirrte Tier in der Ostsee nennt die Presse liebevoll ›Timmy‹, das verirrte Tier in Hamburg-Altona nur den ›bösen Wolf vom Jungfernstieg‹. Der Wal soll den Weg in die Freiheit finden, dann ist alles gut. Der Wolf soll hinter Schloss und Riegel, dann ist alles gut – schließlich hat er der Frau, die ihm helfen wollte, ins Gesicht gebissen. Der Wal hingegen strapaziert mit seinem erratischen Verhalten nur die Geduld seiner Retter.«

Bevor Sie nun die Sorge packt, bei Ihrer abendlichen Einkaufstour ebenfalls einem Wolf zu begegnen, lesen Sie die Einordnung meiner Kollegin Julia Köppe. Sie hat recherchiert und gibt Entwarnung : »Laut der Hamburger Umweltbehörde passiert es (…) praktisch nie, dass sich ein Wolf so weit in die Stadt hineinwagt wie nun in Hamburg.«

  • Lesen Sie hier mehr: Der gute Wal und der böse Wolf 

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Wetterdienst erwartet künftig mehr Hitze – besonders im Süden und Osten Deutschlands: Es wird heißer in Deutschland, doch die steigenden Temperaturen werden die Regionen laut einer Projektion unterschiedlich treffen. Beim Niederschlag fällt das Bild besonders differenziert aus.

  • Staatsschulden steigen stärker als die Wirtschaftsleistung: Deutschlands Staatsschulden sind 2025 erneut gestiegen – vor allem der Bund nahm deutlich mehr Kredite auf als im Vorjahr. Die Bundesbank stellt einen besorgniserregenden Trend fest.

  • PKK-Gründer Öcalan spricht sich für Friedensprozess aus: Aus der Haft hat sich PKK-Gründer Abdullah Öcalan zu Wort gemeldet. Er will eine öffentliche Erklärung zum Frieden abgeben. Türkische Behörden nehmen derweil Oppositionspolitiker der Partei CHP fest.

  • Wohnungen nach Explosion in Berlin-Schöneberg teils unbewohnbar: Ein Mehrfamilienhaus in Berlin geriet durch eine Explosion in Brand. Die Feuerwehr war mit einem Großaufgebot im Einsatz. Die Polizei ermittelt.

Meine Lieblingsgeschichte heute: Crossdressing im Mittelalter

Meine Kollegin Annemarie de Boer erzählt die Geschichte der Nürnbergerin Katherina Hetzeldorfer, die sich, gekleidet und an entscheidender Stelle mit einer Art Prothese versehen, Frauen in Gestalt eines männlichen Liebhabers näherte. Klingt aus heutiger Perspektive nicht sonderlich spektakulär, war im 15. Jahrhundert allerdings lebensgefährlich: 1477 stand Hetzeldorfer vor Gericht und wurde zum Tode verurteilt. Ihr Wechsel der Geschlechterrolle galt als Angriff auf die gesellschaftliche Ordnung.

  • Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Katherina mit dem Kunstpenis 

Was heute weniger wichtig ist

Ofar im Urlaub: Der Sender RTL zeigt sich selbstkritisch im Umgang mit dem Sänger Gil Ofarim, 43. Während seines Gastspiels im »Dschungelcamp« hatte Ofarim einigermaßen unwidersprochen den Eindruck erwecken können, er werde zu Unrecht der Lüge über einen angeblichen antisemitischen Vorfall in einem Leipziger Hotel bezichtigt. »Aus heutiger Sicht wäre es an der einen oder anderen Stelle besser bzw. richtig gewesen, die Fakten direkt in der Livesendung klarzustellen«, sagte nun RTL-Deutschland-Chef Stephan Schmitter, 52, in einem Interview dem Branchendienst dwdl.de.

Mini-Hohl

Hier finden Sie den ganzen Hohl.

Cartoon des Tages

Und heute Abend …

… schwelge ich in Erinnerungen an mein persönliches Lieblingsermittlerpaar aus dem ARD-»Tatort«: Über Ostern läuft der zweiteilige Abschiedstatort »Unvergänglich« mit Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl, für die einführende Lektüre habe ich mir das Interview zurechtgelegt, das mein Kollege Christian Buß mit den beiden geführt hat .


Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Stefan Kuzmany, Autor in der Chefredaktion

Bundeskanzler Merz, Übergangspräsident Sharaa

Foto: Sean Gallup / EPA

Sicherheitsminister Ben-Gvir nach Beschluss des Todesstrafengesetzes

Foto:

Oren Ben Hakoon / REUTERS

Der Buckelwal wird zum Ruckelwal: »Timmy« in der Wismarer Bucht

Foto:

Annegret Hilse / REUTERS

Crossdresserin Hetzeldorfer (moderne Illustration)

Foto:

Ria Brodell / Collection of the Davis Museum at Wellesley College

Foto: RTL / dpa

Aus der Tageszeitung »Dolomiten – Tagblatt der Südtiroler«

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Klaus Stuttmann

Schauspieler Wachtveitl, Nemec

Foto: Hendrik Heiden / NEUESUPER / BR

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