Indigene Schauspielerin verklagt James Cameron wegen »Diebstahls« ihrer Gesichtszüge

2024 zeigte der große Filmregisseur James Cameron bei einer Ausstellung in Paris, wie seine optische Fantasie sich zunächst in Zeichnungen niedergeschlagen hat. Die Schau »L’art de James Cameron« in der Cinématheque schlug medial große Wellen, Cameron gab Interviews und präsentierte Vorlagen für seine Filmklassiker wie »Terminator«, »Titanic« oder »Avatar«. Eines dieser Interviews hat nun eine Klage  ausgelöst, die an einem kalifornischen Bezirksgericht eingereicht wurde.

Klägerin ist die Schauspielerin Q’orianka Kilcher, 36, die als 14-Jährige in Terrence Malicks Film »The New World« Pocahontas spielte. Eine Anzeige für diesen Film war in der »Los Angeles Times« abgedruckt; James Cameron sah die junge Schauspielerin dort und fand darin die Vorlage für Neytiri, seine indigene Na'vi-Figur vom Himmelskörper Pandora, die in den »Avatar«-Filmen von Zoë Saldaña gespielt wird.

Doch für Kilchers Anwalt handelte es sich bei Camerons Umgang mit seiner Mandantin um »keine Inspiration, sondern Ausbeutung«. Der Regisseur habe »die einzigartigen biometrischen Gesichtsmerkmale eines 14-jährigen indigenen Mädchens genommen, sie einem industriellen Produktionsprozess unterzogen und damit Gewinne in Milliardenhöhe erzielt, ohne sie auch nur ein einziges Mal um Erlaubnis zu bitten«, so die Peter Law Group in einer Pressemitteilung: »Das ist kein Filmemachen. Das ist Diebstahl.«

Die Tochter eines Vaters mit peruanischem Quechua-Hintergrund und einer Mutter aus der Schweiz traf James Cameron 2010 bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung in Hollywood, bei der die beiden über das Engagement für die Rechte indigener Völker sprachen. So schildert es Kilcher in der Klageschrift. Demnach habe Cameron sie eingeladen, in sein Büro zu kommen, er habe ein Geschenk für sie. Es handelte sich um einen Druck von Camerons Originalzeichnung für Neytiri – versehen mit einer handschriftlichen Signatur: »Deine Schönheit war meine frühe Inspiration für Neytiri. Schade, dass du gerade einen anderen Film gedreht hast. Nächstes Mal.«

Q’orianka Kilcher sagt, sie habe sich über die Widmung gewundert, weil ihre damalige Managerin sie tatsächlich für ein Casting zum ersten »Avatar«-Film (2009) vorgeschlagen habe, damals aber keine Reaktion gekommen sei. Doch sie habe sich vor allem geschmeichelt gefühlt, so wird sie es in der Klageschrift dargestellt, sah in Cameron einen Verbündeten im Indigenenrechte-Aktivismus und machte sich Hoffnungen auf eine Rolle in einer »Avatar«-Fortsetzung.

Davon gab es inzwischen zwei, beide allerdings ohne die 1990 in Schweigmatt im Schwarzwald geborene Kilcher, die zwischenzeitlich unter anderem in der Serie »Yellowstone« mitspielte. Dann kamen die Pariser Ausstellung und das Videointerview, das Cameron dem französischen Magazin »Konbini« gab. Darin erzählt der Regisseur, dass für seine Zeichnung für die Figur Neytiri Q’orianka Kilchers »sehr interessantes Gesicht« die »Quelle« gewesen sei, insbesondere ihre untere Gesichtshälfte (im unten stehenden Video ab Minute 16:00).

Der Ausschnitt habe 2025 auf TikTok und X die Runde gemacht und so auch Kilcher erreicht, heißt es in der Klageschrift. Dann erst sei ihr bewusst geworden, »dass ihr tatsächliches Gesicht repliziert« worden sei. Sie beruft sich unter anderem auf das jahrzehntealte kalifornische »Right of Publicity«-Gesetz, das die unbefugte Nutzung der Identität von Personen betrifft.

Doch die Schauspielerin sieht auch ganz aktuelle Bezüge, die den Fall über ihre Person hinaus relevant machen würden: »Im KI-Zeitalter ist unser Aussehen nicht mehr sicher«, sagte Kilcher der »New York Times« . Was ihr passiert sei, sei zwar persönlich, aber auch eine ernste Warnung: »Wenn wir jetzt nicht handeln, wird so etwas zur Normalität. In diesem Fall geht es um die Zukunft unserer Identität.«

Tatsächlich war die Frage, ob Gesicht und Körper von Schauspielerinnen und Schauspielern quasi urheberrechtlich geschützt werden müssen, ein wichtiges Thema beim Hollywoodstreik von 2023. Sie fürchteten, zukünftig durch nach ihrem Vorbild hergestellte KI-Avatare ersetzt zu werden. Die Gewerkschaft SAG-AFTRA erstritt eine Regelung, wonach die Zustimmung der Schauspieler eingeholt werden müsse, wenn deren digitale Kopien verwendet würden.

Der Fall um Q’orianka Kilcher und James Cameron ist zwar zeitlich vor dem KI-Durchbruch angesiedelt. Dennoch berufen sich Kilchers Anwälte wegen einer Liebesszene von Neytiri in »Avatar« sogar auch auf einen Deepfake-Pornografie-Paragrafen des kalifornischen Zivilgesetzes. Cameron und die Walt Disney Company äußerten sich auf Anfrage mehrerer US-Medien bisher nicht zu dem Sachverhalt.

Kilcher als Pocahontas in »The New World«

Foto: HO / REUTERS

Szene aus Cameron-Film »Avatar: Fire and Ash«

Foto: 20th Century Studios

Schauspielerin Kilcher: »Geht um die Zukunft unserer Identität«

Foto: Kevin Winter / Getty Images

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