Peter Sempel ist tot

»Dokumentarische Musikpsychofilme« nannte Peter Sempel selbst das Filmgenre, für das der nimmermüde Undergroundfilmemacher vor allem bekannt war.

Gegenstand dieser assoziativ zusammengestellten Werke konnten durchaus prominente Musikerinnen und Musiker sein – Nina Hagen etwa, Lemmy Kilmister von der Band Motörhead, oder auch Dieter Meier, eine Hälfte von Yello. Doch Sempel wies stets von sich, dass es ihm um deren Prominenz gegangen sei: »Viele Leute glauben, ich laufe den berühmten Leuten hinterher«, sagte er der Tageszeitung »taz« in einem Interview  zum 70. Geburtstag. »Aber nee, das hat sich immer so ergeben.«

Nur einmal habe er eine Person gezielt gefragt, ob sie bei einem Film mitspielen wolle: »Das war Blixa Bargeld«, der Frontmann der Einstürzenden Neubauten. Ihn verfolgte Peter Sempel im Film »Dandy«, der 1988 für Furore sorgte, mit der Kamera.

Campino von den Toten Hosen memorierte zusammen mit Bargeld in einer Spielszene deutsche Mittelstädte. Nick Cave rezitierte seine Poesie (angeblich habe er 400 DM für sein Auftreten gefordert). Rund 100.000 Menschen sahen den Film in Arthousekinos und auf Festivals, bei den Vorstellungen saß Regisseur Sempel oft selbst mit im Publikum.

Zu seinem Nachfolgefilm »Just Visiting This Planet«, in dessen Mittelpunkt der japanische Butoh-Tänzer Kazuo Ohno stand, sagte Sempel 1991: »Was erklärt werden kann, ist nicht gut. Denn ich versuche das Unmögliche, ohne darüber nachzudenken.« Nina Hagen sang in dem Film das »Ave Maria«, Blixa Bargeld Lieder aus Schuberts »Winterreise«.

Dass solche Filme nicht fürs große Publikum waren, versteht sich fast von selbst. Der SPIEGEL kalauerte über des Filmemachers Methodik: »Wie bei Sempel unterm Sofa«. Doch die unermüdliche Suche nach dem Kern der Kunst, der Idee, den Gefühlen, war Sempel nie abzusprechen. In Andalusien, Indien und Japan ging er dem Flamenco auf die Spur, für »Die Ameise der Kunst« verfolgte er Jonathan Meese, zuletzt porträtierte er in der Collage »Artistas« bekannte wie unbekannte Künstlerinnen.

Peter Sempel wurde 1954 in Hamburg geboren, wuchs im australischen Outback auf, wurde als »Nazischwein« beschimpft und kehrte 1969 in seine Geburtsstadt zurück, wo er als »Känguru« ausgelacht worden sei: »So war ich immer ein Außenseiter – das kann der Grund dafür sein, dass meine 14 Langfilme immer Außenseiter zeigen, beobachten und bewundern«, sagte er der »taz«, »als eine Art Protest gegen die normale Welt.«

Sempel liebte Oper und Punk gleichermaßen – und den Film. In gleich mehreren Werken setzte er dem litauischen Regisseur Jonas Mekas (1922–2019) ein filmisches Denkmal. Mekas galt als »Pate des amerikanischen Avantgardekinos«, war in New York als Filmkritiker, Betreiber einer Kinemathek, Archivar und Schöpfer von Tagebuchfilmen tätig. Über ihn lernte Sempel Al Pacino, Andy Warhol oder Jim Jarmusch kennen. Sein »Jonas at the Ocean« wurde 2003 zu Martin Scorseses TriBeCa-Festival eingeladen.

Im Hamburger Nachtleben war Peter Sempel als fleißiger Werber in eigener Sache bekannt: Er plakatierte und verteilte Postkarten, stellte seine Fotos in Ausstellungen aus und genoss Retrospektiven seiner Werke.

Wie das »Hamburger Abendblatt« am Montag berichtet , ist Peter Sempel in der vergangenen Woche in Hamburg gestorben. Freunde und Weggefährten hatten die Nachricht bereits am Wochenende in den sozialen Medien verkündet. Der Musiker Holger Steen (Tulip, die singende Tulpe) schrieb am Freitagnachmittag auf Facebook , sein »lieber Freund« Peter Sempel sei »in der letzten Nacht im Marienkrankenhaus« gestorben.

Szene aus Sempel-Film »Lemmy«

Foto: ddp images

Jungregisseur Sempel

Foto: Public Address / ullstein bild

Szene aus Sempel-Film »Jonas in the Desert«

Foto: ddp images

Das könnte Ihnen auch gefallen