Jetzt greift der Regionalligist BVB an
Alexandra Popp in Schwarz-Gelb – daran werden sich Fußballfans nun gewöhnen müssen.
14 Jahre lang trug Popp, 34, das Trikot des VfL Wolfsburg, dieses grüne Shirt, in dem sie Meistertitel und Pokalsiege feierte und zweimal die Champions League gewann. Die Angreiferin Popp ist eine Ikone des deutschen Fußballs der Frauen, aber sie war auch immer Wolfsburg.
Jetzt stand sie am Samstagnachmittag vor der Südtribüne in Dortmund, in den Händen das Trikot von Borussia Dortmund, hinten der Flock: Popp mit der Rückennummer 2029 – so lange will sie für den BVB spielen. Tausende Fans jubelten ihr zu.
Popp war Wolfsburg. Doch Dortmund, der BVB, sagte die 34-Jährige, das sei immer ein Kindheitstraum für sie gewesen. Sie wurde in Witten geboren, nicht weit entfernt von Dortmund, jetzt zieht sie ab der kommenden Saison zum BVB. Ihre Vorstellung vor einem Heimspiel der Männer war nicht weniger als ein Coup für Borussia Dortmund, der im Fußball der Frauen noch Drittligist ist.
»Jetzt stehe ich hier und darf Schwarz-Gelb tragen. Etwas Größeres gibt es nicht«, sagte Popp.
Popp, die Allesgewinnerin – zu einem derzeit noch Regionalligisten?
Mit dem Popp-Transfer setzt der BVB jedenfalls ein unübersehbares Signal an die nationale Konkurrenz. »Alex' Verpflichtung ist ein dickes Ausrufezeichen für unsere Ambitionen«, sagte BVB-Frauenfußball-Geschäftsführerin Svenja Schlenker in einer Clubmitteilung.
Es ist das zweite Signal innerhalb weniger Tage, das der BVB aussendet. Erst am Freitag hatte der Klub die Verpflichtung von Fußballmanager Ralf Kellermann bekannt gegeben. Kellermann kommt wie Popp aus Wolfsburg, gilt als Mastermind hinter den Erfolgsjahren des VfL. Er ist im Fußball der Frauen bestens vernetzt.
Nun hat Dortmund diesen Mann geholt – ein Aushängeschild, das nach innen wirken wird. Und Popp, eine der erfolgreichsten Torjägerinnen, eine Botschaft, die auch nach außen dringt.
Borussia Dortmund tat sich lange schwer, eine Frauenfußball-Abteilung zu gründen. Der Verein wollte nicht direkt in der Bundesliga einsteigen und keinen bestehenden Klub übernehmen, wie es Eintracht Frankfurt beim Frauen-Traditionsverein 1. FFC Frankfurt getan hatte. Also startete der BVB 2020 ganz unten, in der Kreisliga.
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Doch jetzt greift der BVB endgültig an. Die Frage ist nur, ob die jüngsten Coups plötzlich sogar eine Spur zu schnell kommen.
Aktuell spielt der BVB in der Regionalliga, also der dritten Liga im Fußball der Frauen. Das Ziel der Dortmunderinnen ist der Durchmarsch in die Bundesliga. Momentan liegt jedoch die Reserve des 1. FC Köln im Titelkampf vorn. Dortmund ist Zweiter, sechs Punkte hinter Köln, hat aber ein Spiel weniger. Platz zwei würde nicht zum Aufstieg reichen.
Es könnte also sein, dass Popp in Dortmund zunächst nur in der dritten Liga spielen wird. Auch darüber habe sie nachgedacht, sagte Popp. «Willst du das? Kannst du das? Zweite Liga, Regionalliga – das ist nun mal ein großer Unterschied zur ersten Liga und auch zur Champions League», führte sie aus. Klar sei aber gewesen: «Ich will keine Extrawurst, sondern bin voll und ganz dabei.»
Angriff auf die Bayern-Dominanz
Die dreimalige Fußballerin des Jahres erzielte in 145 Länderspielen 67 Tore. 2016 wurde sie mit der DFB-Auswahl Olympiasiegerin, acht Jahre später gab es Bronze. So eine Spielerin in der dritten Liga? Es könnte dazu kommen. Aber auch das wäre ein Signal. Es würde dem deutschen Fußball der Frauen sehr guttun, wenn ein Verein, der nicht der FC Bayern ist, Großes wagen will.
In Deutschland ist der Fußball der Frauen inzwischen eine One-Club-Show geworden. Die Dominanz des FC Bayern wächst von Jahr zu Jahr, aktuell liegt München sogar 14 Punkte vorn (bei einem Spiel mehr), vor den einstigen Rivalinnen aus Wolfsburg. Das ist nicht gut für das Produkt Bundesliga. Zuletzt stagnierten die Zuschauerzahlen in den Stadien. Außerdem hat seit elf Jahren keine deutsche Mannschaft mehr die Königsklasse gewonnen.
Mehr echter Wettbewerb, das würde vermutlich allen guttun.
Nach dem Abgang von Popp und Kellermann stellt sich auch die Frage, ob Wolfsburg nun sogar endgültig aus dem engsten Verfolgerfeld des FC Bayern fallen könnte.
Elfmal Pokalsieger, siebenmal Deutscher Meister, zweimal Champions-League-Triumph, der VfL war über Jahre ein Aushängeschild des deutschen Fußballs der Frauen. Dank Hilfe des VW-Konzerns stellte sich schnell Erfolg ein, international wie national, der Club wurde Magnet für Topspielerinnen.
Nun aber scheint der Verein zu wanken. VW-Chef Oliver Blume sagte nach dem Gewinneinbruch des Konzerns, man müsse auch die Investitionen im Fußball überprüfen. Wahrscheinlich meinte er damit vor allem die hoch bezahlte Männermannschaft, die trotz eines der größten Etats der Bundesliga aktuell Vorletzter ist und damit eher einer Geldvernichtungsmaschine gleicht.
Doch offen bleibt, ob mögliche Sparmaßnahmen auch die Frauen treffen könnten. Noch immer sind Frauenfußballklubs Zuschussgeschäfte. Zwar vermeldete der DFB zuletzt erneut steigende Umsätze, aber auch gestiegene Ausgaben. Im Schnitt macht jeder Club rund zwei Millionen Euro Verlust pro Jahr. Kleinigkeiten, gemessen an den Standards am Männerfußball, aber auch nicht nichts.
Fest steht: Mit Popp und Kellermann verliert der VfL Kompetenz auf und neben dem Platz. Er verliert Identifikationsfiguren, die wie niemand sonst für die Erfolge der vergangenen Jahre standen. Das ist ein gewaltiger Rückschlag.
Der BVB bekommt sie. Das ist der Beweis dafür, dass Borussia Dortmund im Fußball der Frauen nun ganz nach vorn kommen möchte.
Popp erfüllt sich in Dortmund einen Kindheitstraum
Foto: Celina Leiers / STEINSIEK.CH / IMAGOPopp beim VfL: «Willst du das? Kannst du das?»
Foto: Swen Pförtner / dpa