Trump beeindrucken – mit einer Handvoll Soldaten

So viel Aufmerksamkeit war nie

Vielleicht hätten sich die Grönländer ein wenig mehr oder sagen wir: die richtige Aufmerksamkeit der internationalen Staatengemeinschaft gewünscht. So viel Aufmerksamkeit war seit Peter Høegs Bestseller »Fräulein Smillas Gespür für Schnee« nicht mehr. Oder der letzten Staffel von »Borgen«. Mit heutigem Blick war die Serie ein Menetekel: Grönland gerät durch einen Ölfund in den Fokus der Großmächte USA, Russland und China (Europa spielt mal wieder kaum eine Rolle), vor allem die Amerikaner pochen auf Sicherheitsinteressen – und die Grönländer versuchen, sich zu behaupten (mehr über Sicht der Grönländer lesen Sie hier ). Als die Serie ausgestrahlt wurde, war noch Joe Biden in Amt und Würden.

In diesen Tagen herrscht auf der größten Insel der Welt mit absurd kleiner Einwohnerzahl von etwa 60.000 reger Besuchsverkehr, nicht allein von Journalistinnen und Journalisten. Seit US-Präsident Donald Trump entschieden hat, dass er Grönland »besitzen« müsse, um die USA sicherer zu machen, schauen auch die anderen Nato-Partner mehr Richtung Arktis und wollen eine Mission auf die Beine stellen. Denn Trump ist der wahrscheinlich nicht ganz falschen Meinung, dass Dänemark allein Grönland nicht vor Russland und China schützen könne – aber die USA könnten alles.

Nur – wofür gab es die Nato noch mal?

Die Botschaft von Trump: Ihr kümmert euch nicht genug um diesen sicherheitspolitisch so wichtigen Ort. Jetzt wollen ihm die europäischen Nato-Länder offensichtlich das Gegenteil beweisen. Von heute an beteiligen sich auch 13 Bundeswehrsoldaten drei Tage an einer Erkundungsmission. Sie treffen auf Kollegen aus Schweden, die bereits da waren. Auch Frankreich hat 15 Gebirgsjäger geschickt, Norwegen ist ebenfalls mit zwei Militärangehörigen am Start, Großbritannien ernsthaft mit einem. Die Botschaft: Wir kümmern uns sehr wohl um die Sicherheit der Arktis! Ob es allerdings mit dieser Mannstärke gelingt, den US-Präsidenten zu »beschwichtigen« (mehr dazu hier) und zu zeigen, dass man seine Sorgen ernst nimmt, darf bezweifelt werden.

  • Mehr Hintergründe hier: Wie bedeutend Grönland für Trumps Golden Dome ist 

Im Kampf gegen die eigenen Bürger

Einen wesentlichen Teil seines Arbeitstages bestreitet Trump ja mit Drohungen. Er droht viel in Richtung Ausland – Iran, Grönland, abwechselnd der Ukraine und Russland, allen mit Zöllen. Aber er droht auch viel im Inland, politischen Gegnern, Institutionen, Beamten, die nicht auf seiner Linie sind, Migranten, demokratisch geführten Großstädten oder Bundesstaaten. Aktuell ist Minnesota in seinen Fokus geraten.

Auch rund eine Woche, nachdem ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE während eines Einsatzes in Minneapolis die dreifache Mutter Renée Good erschoss (mehr dazu hier ), kommt die Stadt nicht zur Ruhe. In der Nacht zu Donnerstag kam es zu einem erneuten Vorfall: Wieder protestierten die Bewohner der für ihre Liberalität bekannten Stadt gegen ICE-Einsätze, nachdem eine Person angeschossen worden war. Die Lage eskalierte, es kam zu Zusammenstößen zwischen Beamten und Demonstranten. Jetzt sagt Trump: Er werde den sogenannten Insurrection Act gegen die »Aufständischen« nutzen (mehr dazu hier) – ein Gesetz aus dem Jahr 1807, das dem Präsidenten erlaubt, im Ausnahmefall Militär oder Nationalgarde bei Aufständen einzusetzen.

Die Drohung ist nicht neu, auch während seiner ersten Amtszeit hat er mit dem Einsatz geliebäugelt, zuletzt während der Proteste gegen ICE in Los Angeles im vergangenen Sommer. Das Gesetz würde etwa der mehrfach bereits eingesetzten Nationalgarde mehr Befugnisse geben. Doch offensichtlich schreckt sogar Trump noch davor zurück: Die Notstandsbefugnis war nie zum Einsatz gegen eigene Bürger gedacht – sondern gegen europäische Mächte, die mit ihren Soldaten in den USA einfallen.

  • Mehr Hintergründe hier: So formiert sich Widerstand gegen die ICE-Einsätze

Friedhofsruhe in Iran

Die »Hilfe«, die der US-Präsident den Protestierenden gegen das Teheraner Regime angedeihen lassen wollte (und deren Ankündigung ich fälschlicherweise in der gestrigen Lage an einer Stelle auf Mittwoch statt Dienstag datiert habe – ich bitte den Fehler zu verzeihen!), kam anders als erwartet. Viele von uns Journalistinnen und Journalisten starrten am Mittwochabend noch gebannt auf unsere Bildschirme – in Erwartung, dass die Amerikaner einen Militärschlag wahr machen würden, die Hinweise verdichteten sich. Doch dann passierte: nichts. Zumindest vorerst.

Was passierte, war, dass Trump plötzlich sagte, dass ihm »sehr wichtige Quellen von der anderen Seite« gesagt hätten, das Töten von Demonstranten habe aufgehört, es gibt keine Pläne für Hinrichtungen. Die hatte der US-Präsident als quasi rote Linie definiert. Auch der iranische Außenminister Abbas Araghchi versicherte dies auf Trumps Haussender Fox. Tatsächlich berichtete die in Norwegen ansässige Menschenrechtsorganisation Hengaw, dass die Hinrichtung des 26-jährigen Erfan Soltani, die um die Welt ging, ausgesetzt wurde (mehr dazu hier  und hier).

Welche »andere Seite« war wohl gemeint? Es wäre sogar für Trumps Verhältnisse etwas bizarr, sich auf das Wort von Vertretern eines mörderischen Regimes zu verlassen. Wie nun einige Medien berichten, sollen sowohl Israels Premierminister Benjamin Netanyahu als auch Diplomaten von Katar, Saudi-Arabien, Oman und Ägypten Trump davon überzeugt haben, Iran jetzt nicht anzugreifen. Ein US-Angriff könnte, so die Sorge, zu einem größeren regionalen Konflikt führen. Zeitgleich hätten die Araber auch Teheran zur Mäßigung aufgerufen. Womöglich entschied Trump sich in letzter Minute um.

So bitter es für viele Menschen in Iran ist, die seit bald einer Woche kommunikativ von der Außenwelt abgeschnitten sind: Es ist auch nach dieser Runde von Massenprotesten in Iran nicht unwahrscheinlich, dass die theokratischen Machthaber vorerst davonkommen.

  • Mehr Hintergründe hier: So will die EU den Iranern beim Regimesturz helfen 

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Gewinner des Tages…

...sind wahrscheinlich die Fans von Harry Styles.

Denn das menschgewordene Safe Space hat nach vier Jahren Musikpause ein neues Album angekündigt. Es trägt den – zugegebenermaßen betörenden – Titel »Kiss All The Time. Disco, Occasionally« und soll im März erscheinen. Meine persönliche Hoffnung im Zusammenhang mit diesem Album: Da der Zeitgeist nicht nur in der Geopolitik, sondern auch in der Gesellschaft kulturkämpferischer geworden ist, täten ein wenig frische Genderfluidität, hoffentlich magentafarbene Pelzmäntel (natürlich vegan) und das Hinterfragen von Männlichkeitsbildern nicht nur Gen Z gut.

  • Harry Styles kündigt neues Album an

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Machado übergibt Trump ihre Friedensnobelpreismedaille: Donald Trump wollte den Friedensnobelpreis so sehr – und bekam ihn nicht. Jetzt hat ihm die venezolanische Oppositionsführerin ihre Nobelpreis-Medaille überreicht. Die Regeln des Nobelinstituts sind jedoch eindeutig.

  • Selenskyj drängt auf höhere Stromimporte: Bei zweistelligen Minustemperaturen müssen viele Ukrainer wegen russischer Angriffe ohne Strom und Fernwärme auskommen. Präsident Selenskyj verlangt von seiner Regierung schnelle Lösungen.

  • Räuber erbeuten Pokémon-Karten in New York: Sie kamen mit Schusswaffen und hatten es auf bei Kindern und Sammlern beliebte Pokémon-Karten abgesehen: Diebe haben in Manhattan ein Geschäft überfallen. In Kalifornien gab es zuletzt einen ähnlichen Vorfall.

Heute bei SPIEGEL Extra: »Da brechen Gäste in Tränen aus«

Exquisite Küche allein reicht nicht mehr. Gourmetrestaurants, die überleben wollen, müssen anders sein, sagt der Kölner Sternekoch Daniel Gottschlich. Und setzt auf ganz großen Zauber .

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.

Ihre Özlem Topçu, Leiterin des SPIEGEL-Auslandsressorts

Blick auf die grönländische Hauptstadt Nuuk: Reger Besuchsverkehr

Foto: Marko Djurica / REUTERS

Protest gegen die Einwanderungsbehörde ICE in Minneapolis: Die Stadt kommt nicht zur Ruhe

Foto: Roberto Schmidt / AFP

Straßenszene in Teheran: Trumps »Hilfe« kam anders als erwartet

Foto: Fatemeh Bahrami / Anadolu Agency / IMAGO

Künstler Styles: Frische Genderfluidität

Foto: Cover-Images / IMAGO
Foto:

Ira Hendricks

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