Hier findet Trump seinen Meister
Immer, wenn man denkt, es geht nicht mehr tiefer in den Dreck, das Böse und den Geifer, kommt Donald Trump und zeigt, dass es doch geht. Was er dem ermordeten Regisseur Rob Reiner hinterherrief, ist ein schier undenkbares Maß an egomaner Bösartigkeit. Er spuckt auf die allerletzten Grenzen des menschlichen Anstands, ganz so wie zuvor schon auf die des Völkerrechts, der Verfassung oder der Vernunft.
Nichts und niemand konnte ihn bislang stoppen. Wer in dem spektakulären »Vanity-Fair«-Text das eitel selbstgewisse Foto der treuesten Lurche des Präsidenten betrachtet, muss meinen: Keiner von ihnen wird den Rücken gerade machen, keiner stellt sich von innen dem Führer in den Weg. Abgesehen von einigen Scharmützeln vermag das aber auch keine Opposition, kein Parlament oder die freie Presse, nicht Recht und Gesetz oder die Justiz. Lasset also alle Hoffnung fahren, und das zu Weihnachten? Nein.
Die Preise sind es, stupid.
Seit der Pandemie ist alles viel teurer geworden in den USA, Lebensmittel seit 2020 um 30 Prozent, Wohnungen und Häuser um 50 Prozent im Schnitt. Die Löhne haben damit nicht Schritt gehalten, die Inflation liegt seit geraumer Zeit um die drei Prozent, in der Eurozone sind es um die zwei. Die Preise sind seit jeher ein mächtiges Politikum in Amerika, sie haben schon Wahlen entschieden, und Donald Trump reagiert auf seine Weise: Er verspricht »sinkende Preise«, weil er nur in der Kategorie von Sieg und Niederlage zu denken vermag, Sieg über die Preise. Vermutlich verspricht er es aber auch, weil er denkt, dass eine sinkende Inflationsrate sinkende Preise bedeutet. So lassen ihn seine Selbstüberschätzung und seine manifeste Unkenntnis ins Messer laufen: Zwei Drittel der Befragten äußern sich negativ zu Trumps Inflationsbekämpfung. Ziemlich konstant sind zehn Prozentpunkte mehr Menschen unzufrieden als zufrieden mit Trumps Politik insgesamt.
Der liberale Volkswirt erinnert sich: Freie Preise sind ein perfektes Informationssystem, sie lügen nicht, sie können es gar nicht. Sie sind die Weisheit der Massen, und kein libertärer Techboss kann sie über seinen Algorithmus steuern. Wer die Preise per Dekret deckelt, wie man es Trump zutrauen könnte, der schafft sie nicht ab, er verlegt sie nur in den Schwarzmarkt, wo sie in aller Klarheit weitersprechen. Es gibt also noch Gesetze, die so funktionieren wie früher. Gesetze des Marktes und des Kapitalismus, die kein Kulturkampf unterspülen kann. Die kein MAGAmaniac zu brechen vermag.
Freie Preise sind eine unerschöpfliche Informationsquelle, sie sprechen zu jedermann, jeden Tag. Dagegen kommt selbst eine Lügenmaschine wie Donald Trump nicht an. Es nutzt ihm nichts, die Chefin der Statistikbehörde zu feuern oder in Interviews zu behaupten, dass die Preise auf breiter Front sänken. Es nutzt ihm nichts, die Medien als »fake news« zu beschimpfen. Die Leute brauchen keine Statistik, sie brauchen keine Medien: Every day is election day, im Laden, an der Tanke oder im Restaurant. Jeden Tag fällen die Leute ein Urteil, das ihnen der Blick ins Portemonnaie oder auf den Kassenbon nahelegt. Das hat schon Joe Biden aus dem Amt getrieben.
In Deutschland weiß man um die Kraft der Preise. Ludwig Erhard hat 1948 mit ihrer Freigabe eine ganze Gesellschaft aus der Kriegs-Depression ökonomisch befreit und der einhergehende Wohlstand sie fürs Erste mit sich selbst versöhnt. In den Zwanzigerjahren der Nach- und Zwischenkriegsjahre hingegen hatte die enorme Inflation die Weimarer Republik von innen zersetzt, ihre gesellschaftliche Resilienz bis zur Selbstaufgabe geschwächt.
Zugegeben: »Es wird eng für Trump« zählt zu den am meisten ausgeleierten Politsprechsätzen dieses Jahres. Auch sollte man aus den Siegen linker Politiker im (linken) New York oder im (linken) Kalifornien keine großen Schlüsse ziehen. Aber: Das Narrativ der stetig steigenden Preise ist gesetzt, und Donald Trump kann offenbar nicht umhin, die Krise so zu nennen, wie seine Gegner sie getauft haben: »the affordability crisis«, die (Un-)Bezahlbarkeitskrise. »Meine oberste Priorität ist es, Amerika wieder bezahlbar zu machen«, sagte Trump jüngst bei einem Wahlkampf-artigen Auftritt in Pennsylvania. Ein seltener Moment der Ehrlichkeit, zu sagen, was ist – doch für notorische Lügner und Leugner ist das eine Hochrisiko-OP am eigenen Herzen.
Der US-Präsident könnte nun seine Politik ändern, um der Inflation Herr zu werden, aber dazu müsste er überhaupt eine Politik haben und dann auch noch die nötige Einsicht. Trump hat zwar still und heimlich die Zölle für Bananen, Rindfleisch oder Kaffee aus bestimmten Herkunftsländern wieder gesenkt. Doch die Masse der Zölle und die zugrunde liegende pseudo-reziproke Vodoo-Formel bleiben in Kraft. Stattdessen soll der Zentralbankchef zum vierten Mal in Folge die Zinsen senken. Aber das wird die Preise nicht senken, sondern eher schneller steigen lassen. Auch unternimmt Trump erste Versuche, dem Volk die Wut abzukaufen: Soldaten (»Krieger«) erhalten eine Prämie von 1800 Dollar. Und womöglich beginnt der US-Präsident als Nächstes einen Krieg gegen Venezuela, um abzulenken oder einen Vorwand zu haben, jene Midtermwahlen 2026 abzusagen, die viele seiner Mitstreiter schon als verloren ansehen.
In den USA könnte sich die Kraft der Preise als eine reinigende erweisen. Lügner haben Angst davor. Denn Preise sind Wahrheit, und das ist fast wie eine Botschaft zu Weihnachten.