Ich lebe in der Zukunft. Ist angenehm hier!

Manche Leserin und manchen Leser dieses Textes wird das überraschen, aber ich musste den aktuellen Benzinpreis für diese Kolumne heraussuchen. Für den Großteil meines Erwachsenenlebens galt für mich das Gleiche wie für die meisten Deutschen, die gelegentlich Auto fahren: Ich wusste immer in etwa, was ein Liter Super gerade kostet. Schon deshalb, weil man diese Information beim Vorbeifahren an Tankstellen gewissermaßen aus dem Augenwinkel mitnimmt.

Seit ich ein Elektroauto fahre, hat sich das geändert. Eine Zeit lang hatten die alten Benzinpreis-Reflexe noch Bestand, mittlerweile sind sie vollständig abgebaut. Der Benzinpreis ist für mich irrelevant.

Kein flüchtiges, brennbares Gift im Haus

Für den Gaspreis gilt das Gleiche: Unser Haus wird mit einer Wärmepumpe beheizt, und zwar schon so lang es steht, seit etwa fünfzehn Jahren. Das ist sehr angenehm: Die Temperatur ist über die gesamte Heizperiode hinweg nahezu konstant, die Kosten sind zugleich gering.

Ja: Unser Haus ist ein gut gedämmter Neubau, aber Wärmepumpen funktionieren auch in Altbauten. Glauben Sie nicht die Märchen, die die Fossilkonzerne und ihre politisch-medialen Handlanger seit Jahren mit Macht in den Kommunikationsmarkt drücken. Außerdem gibt es ja auch noch Fernwärme und andere nichtfossile Alternativen.

Ich finde es angenehm, dass zu unserem Haus keine Leitung führt, die ein flüchtiges, extrem brennbares Gift enthält, an dem man ersticken kann. Mir ist völlig klar, dass das überwiegend irrational ist, denn Gasunfälle sind in Deutschland recht selten. Aber mal ehrlich: Haben Sie schon mal von einer Wärmepumpenexplosion gehört? Oder davon, dass eine ganze Familie nachts  wegen einer kaputten Wärmepumpe erstickt ist? Ich auch nicht.

Wenn es das Wetter und die Strecke zulassen, bewegen sich die meisten Mitglieder meiner Familie mit dem Fahrrad fort. Ich selbst fahre seit zehn Jahren außerdem einen Elektroroller, der einem Zweitakter in jeder Hinsicht überlegen ist. Er stinkt nicht, er tropft nicht, er ist nahezu wartungsfrei, er vibriert nicht, er macht keinen Lärm, er hat eine sensationelle Beschleunigung und die Versicherung ist spottbillig. Von Mai bis September lädt unser Solardach ihn zum Nulltarif auf, ebenso wie unser Auto. All das ist weder »grün« noch »woke«, es ist einfach rational.

Der Strom wird bald noch billiger

Unser Stromtarif ist börsenabhängig. Das heißt: Unser Auto lädt, wenn die Kilowattstunde so billig ist, wie sie gerade auch auf dem Strommarkt zu haben ist. Auch unsere Wasch- und Spülmaschine laufen primär dann, wenn der Strom billig ist. Und so weiter.

In diesen Tagen wurde bei uns zu Hause – endlich – auch noch ein sogenannter Smartmeter eingebaut. Er hat eine Reihe von Vorzügen, der augenfälligste ist dieser: Wer sogenannte steuerbare Verbrauchseinrichtungen betreibt – bei uns ist das die Wärmepumpe, die Wallbox fürs Auto, außerdem ein Batteriespeicher – der darf sich über reduzierte Netzentgelte freuen . Konkret heißt das: Den Strom gibt es künftig noch billiger.

Unser Leben ist also gas- und ölfrei (von Schmier- und Speiseöl abgesehen). Es ist außerdem leiser, sauberer, sichererer und nicht zuletzt billiger als das von Leuten, die für Mobilität und Heizen auf fossile Brennstoffe angewiesen sind.

»Ölpreisschocks« und »Gaspreisschocks« wie die durch den Angriff der USA auf Iran ausgelösten, oder davor durch den Angriff Russlands auf die Ukraine, spielen bei unseren Alltagsausgaben eine sehr untergeordnete Rolle, auch wenn sich steigende Gaspreise mittelbar auch auf den Strompreis auswirken können. Ein Problem, das sich mit den richtigen Weichenstellungen wiederum minimieren ließe.

Meine Familie und ich leben, energetisch betrachtet, in der Zukunft: Wenn die menschliche Zivilisation die Klimakrise überleben soll, dann werden bald alle so leben müssen wie wir. Vollständig elektrifiziert, versorgt mit Energie von der Sonne.

»Sie haben leicht reden!« – Ja, aber:

Manche werden nun sagen: Sie haben leicht reden, Sie konnten sich das ja alles leisten, aber was ist mit der Krankenschwester, die zur Miete auf dem Land wohnt und auf ihren alten Verbrenner angewiesen ist? Darauf gibt es mehrere Antworten. Die erste ist: Natürlich gehört meine Familie zu den privilegierten Menschen in diesem Land, kein Zweifel.

Um ein bisschen Perspektive herzustellen, hier aber ein paar Fakten:

Knapp 44 Prozent der Deutschen lebten 2022 in selbstgenutztem Wohneigentum . All diese Menschen treffen permanent private Investitionsentscheidungen. Das gilt für die Instandhaltung und Sanierung von Altbauten ebenso wie für Neubauten.

Noch 2022 wurden in 28 Prozent  der neu gebauten Wohneinheiten Gasheizungen als primäre Wärmequellen verbaut. Seit 2022, seit Russlands Angriff auf Kyjiw also, wurden in Deutschland weitere zwei Millionen Gasheizungen verbaut .

Das hat mit schlecht informierten oder desinformierten Eigentümern zu tun, mit geizigen, kurzsichtigen Vermietern – aber auch mit jeder Menge Ideologie. Abermillionen Deutsche haben sehenden Auges extrem unkluge Entscheidungen getroffen. Wenn es dann teuer wird, rufen sie nach dem Staat. Tankrabatt! Gaspreisbremse!

Man hätte das durchaus wissen können

Wie gesagt, auch, wenn das arrogant klingt: Unser Haus ist 15 Jahre alt. Wir wussten ja auch vor 15 Jahren schon, dass es eine potenziell apokalyptische Klimakrise gibt (Sie auch, wenn Sie kein Verschwörungstheoretiker sind). Dass Öl und Gas ein suizidaler, auch geopolitisch unsinniger Irrweg sind. Heute sollte das eigentlich wirklich jedem klar sein.

In Dänemark sind fossil betriebene Heizungen in Neubauten schon seit 2013 verboten . Wenn eine alte Heizung kaputtgeht, darf dort schon seit 2016 keine neue Öl- oder Gasheizung mehr eingebaut werden. In Norwegen heizen zwei Drittel der Haushalte mit Wärmepumpen. Den meisten Dänen und Norwegern geht es also wie meiner Familie und mir: Der Krieg gegen Iran hat mit ihren Nebenkosten wenig bis nichts zu tun.

Fürs Auto gilt Ähnliches: Deutsche Autokäufer zahlten 2025 durchschnittlich über 44.000 Euro für einen Neuwagen. Dieselfahrzeuge sind im Schnitt sogar teurer als Elektroautos. Und trotzdem waren nur 19 Prozent der in Deutschland 2025 verkauften Wagen rein batterielektrisch. Die Leute entscheiden sich sehenden Auges für das Falsche, Giftige, Teure, Gefährliche, geopolitisch Problematische. Kommen Sie mir also bitte nicht mit der armen Krankenschwester auf dem Land. Bei sehr vielen Deutschen liegt es keineswegs am Geld.

Weiter verbrennen, aber anderes Zeug!

Unglücklicherweise haben wir im Jahr 2026 wieder eine Bundesregierung, die all den Vorzügen der Elektrifizierung zum Trotz, das Gegenteil anzustreben, ja zu bewerben scheint: neue Öl- und Gasheizungen! Verbrennungsmotoren, sogar über das Jahr 2035 hinaus! Möglichst viele neue Gaskraftwerke!

Dass das Verbrennen von uralten Ablagerungen aus den Kadavern vor Abermillionen von Jahren verendeter Tiere und ebenso alten, komprimierten Pflanzenresten auf Dauer nicht nachhaltig ist, wissen wir schon seit fünfzig Jahren. Dass die Thermodynamik sich nicht überlisten lässt, dass die Umwandlung von Hitze in andere Formen der Energie immer enorme Verluste mit sich bringt, wissen wir sogar schon seit dem 19. Jahrhundert. Und doch regiert in Deutschland im Jahr 2026 eine Koalition, die standhaft so tut, als müsse man nur andere Dinge verbrennen als bisher, dann könne alles beim Alten bleiben. Die Fehlentscheidungen all der Gasheizungs- und Verbrennerkäufer sollen so politisch validiert werden.

Das ist objektiv falsch. Nicht nur wegen der physikalisch-ökonomischen Absurdität von »E-Fuels« für Pkw oder Wasserstoff als Gas für private Heizkessel. Verbrennungsprozesse brauchten volatile, teure Brennstoffe, die wir nahezu vollständig importieren müssen (abgesehen von der Kohle, dem dreckigsten aller Energieträger). Sie machen uns wirtschaftlich und politisch abhängig, sie sind grotesk ineffizient, sie verursachen nicht nur CO₂, sondern auch Lärm, Ruß, Feinstaub, Stickoxide. Fossile Emissionen töten weltweit Millionen Menschen , Jahr für Jahr.

All das wird in der Zukunft, in der meine Familie und ich privat längst leben, Geschichte sein. Kommen Sie doch rüber zu uns, ist angenehm hier. Und wenn es für Sie selbst aktuell schwierig ist: Helfen Sie dabei, dass politische Weichen so gestellt werden, dass es einfacher wird.

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