Wenn Gier gut ist, sind die Gierigsten die Besten

Das wohl am gründlichsten missverstandene und missbrauchte Zitat in der Geschichte der Wirtschaftswissenschaften stammt von Adam Smith, aus dessen berühmtesten Werk »Der Wohlstand der Nationen«. Es lautet: »Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihren Egoismus, und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.«

Die Freunde einer möglichst unbeschränkten Marktwirtschaft haben aus dieser zweifellos korrekten Beobachtung ein Dogma abgeleitet, das Smith selbst nie vertrat: Der Mensch sei im Kern ein Egoist. Alle Motivationen jenseits des Interesses an schrankenloser persönlicher Bereicherung, im Volksmund auch Gier genannt, seien im Grunde irrelevant.

Sogar Schimpansen erkennen Ungerechtigkeit

»Wohlstand der Nationen« wird dieses Jahr 250 Jahre alt, es gibt viele Texte darüber. Manche handeln davon, wie falsch Smith gern verstanden wird. Etwa im britischen »Economist«, schon Ende 2025 : »Smith erkannte die Vorteile von Märkten, aber auch deren Kosten«, steht da unter der Überschrift »Das berühmteste Buch in den Wirtschaftswissenschaften ist weniger revolutionär, als Sie denken«.

Vor dem »Wohlstand der Nationen« hatte Smith ein Buch namens »Die Theorie der ethischen Gefühle« (1759) verfasst. Darin steht dieser Satz: »Wie egoistisch der Mensch auch immer sein mag, es gibt offensichtlich einige Prinzipien in seiner Natur, die ihn am Glück anderer interessieren … obwohl er daraus nichts anderes gewinnt als die Freude, es zu sehen.«

Smith ging davon aus, dass »ethische Gefühle« den Menschen vom Tier unterscheiden, doch da irrte er selbst: Selbst Schimpansen zeigen in Experimenten klar , dass sie moralische Urteile fällen. Sie können Gerechtigkeit von Ungerechtigkeit unterscheiden und sich »prosozial« verhalten.

Empathie-induzierter Altruismus

Dass das auch bei uns Menschen so ist, sollte eigentlich jedem klar sein, der gern in einer Gesellschaft mit Krankenversicherungen, Solidarsystem, Obdachlosenhilfe, Ehrenamt und Spendengalas lebt. Menschen sind keine egoistischen Ich-Roboter. Das glauben nur radikale Libertäre, die deshalb meist auch erbarmungslose Sozialdarwinisten sind.

Die Sozialpsychologie hat längst eine Verknüpfung zwischen Empathie, also der Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, und prosozialem Verhalten gezeigt: Wenn man in Menschen Mitgefühl für andere weckt, sind sie netter zu ihnen (für normale Menschen nicht überraschend). Der Fachausdruck ist »Empathie-induzierter Altruismus«, geprägt von dem US-Sozialpsychologen Charles Daniel Batson .

Ökonomen aber berufen sich eben gern auf psychologische Behauptungen, die längst widerlegt sind. Der rationale »Homo economicus« zum Beispiel war lange ein wirtschaftswissenschaftliches Axiom , eine nicht hinterfragte Grundannahme, obwohl das Dogma von Psychologen wie Daniel Kahneman und Amos Tversky empirisch widerlegt wurde. Wir verhalten uns sehr oft irrational, ziehen Fehlschlüsse, nehmen mentale Abkürzungen, die uns in die Irre führen.

Auch das Dogma vom schrankenlos gierigen Menschen, der nie genug bekommt, lebt noch immer in vielen Köpfen. Dabei streben die meisten Menschen keineswegs an, um jeden Preis Milliardäre zu werden.

Wenn Gier gut ist, ist Altruismus schlecht

Dieses falsche Dogma hat gewichtige gesellschaftliche Implikationen. Die von Adam Smith so bezeichnete »unsichtbare Hand des Marktes« regelt ja angeblich alles stets zum Besten, ohne Regulierung (die Klimakrise und das Artensterben zeigen, dass das nicht stimmt). Da diese »unsichtbare Hand« eine zwangsläufige Folge rein egoistischer Entscheidungen von Marktteilnehmern ist, muss Egoismus im Kern etwas Gutes sein. Mehr noch, und da wird es problematisch: Altruismus und Empathie stehen dem Egoismus diametral gegenüber. Sie behindern also die »unsichtbare Hand«.

»Das fundamentale Problem der westlichen Kultur ist Empathie«, hat Elon Musk vor einem knappen Jahr öffentlich gesagt . Marc Andreessen, ein Venture-Kapitalist aus dem neurechten Tech-Bro-Zirkel und Hobby-Gesellschaftstheoretiker mit faschistoidem Einschlag, formuliert es so: »Menschen tun für andere nur aus drei Gründen etwas – Liebe, Geld oder Gewalt.« Doch mit der Liebe sieht er ein Problem: Sie »skaliere« nicht. Das mit der Gewalt habe man probiert, mit mäßigem Erfolg, »bleiben wir also beim Geld«.

Geld = Macht? Kein Problem, im Gegenteil!

Die Idee, dass die eigene Gier für alle gut ist, ist eine selbstwertdienliche Position, wenn man extrem reich ist: Wenn Gier gut ist, sind die Gierigsten die Besten. Und sie sind demnach diejenigen, die die meiste Macht haben sollten, weil sie ja wissen, was gut für alle ist. Das Wahlkampfsystem der USA, in dem Geld Wahlen entscheiden kann, ist die Institutionalisierung dieser Vorstellung.

Aus der Idee ergeben sich aber weitere falsche Schlüsse. Zum Beispiel der, dass es Staaten eigentlich nicht braucht, weil doch Märkte die besten Mechanismen zur Organisation des menschlichen Zusammenlebens sind. Smith hätte entsetzt die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Doch die superreichen Vulgärökonomen fördern längst Projekte, die genau das verwirklichen sollen: Pseudostaaten ohne Demokratie oder Repräsentation, mit einem CEO als Diktator.

Die Hohepriesterin der Smith-Missversteher ist die US-Autorin Ayn Rand. In ihrem Roman »Atlas Shrugged« (1957) geht es um Unternehmer-Übermenschen, die sich von den Fesseln des lästigen Staatswesens befreien wollen. Wenn Moral durch Gier ersetzt wird, stehen Menschenfreundlichkeit, Gerechtigkeit und eben Empathie im Weg, finden ihre größten Fans heute. Die intellektuelle Schlichtheit ist erschütternd. Aber Reichtum ist eben kein Ausweis von besonderer analytischer Tiefe. Viele Ökonominnen und Ökonomen sind selbstverständlich längst weiter.

Sprachrohr der Milliardäre

Der rapide gewachsene Abstand zwischen Top- und Normalverdienern  insbesondere in den USA, aber auch in anderen westlichen Gesellschaften wie unserer, ist primär für die Reichsten gut. Dazu wurde Donald Trump ins Präsidentenamt gehievt: Sein Haushalt senkt vor allem die Steuern  für diejenigen, die ohnehin am meisten haben. Deshalb explodiert das US-Staatsdefizit  wie nie zuvor – der Staat, der nicht-reiche Steuerzahler als Beute der Reichsten betrachtet.

Jeff Bezos, Gründer von Amazon und einer der reichsten Menschen der Welt, hat vor dreizehn Jahren die »Washington Post« gekauft, mit dem erklärten Ziel , diese wichtige journalistische Institution abzusichern. Heute publiziert die »Washington Post« auf Bezos Geheiß Editorials , in denen es darum geht, dass Milliardäre dringend vor Besteuerung geschützt werden müssten. Und sie lobt Donald Trump  für völkerrechtswidrige Militäraktionen. Die Abonnenten liefen zu Hunderttausenden davon.

Diese Woche entließ Bezos dann auf einen Schlag ein Drittel der Belegschaft der »Washington Post«, darunter viele Auslandskorrespondenten, etwa in Deutschland, in Indien – und in der Ukraine, wo die abrupt gefeuerte Korrespondentin  jetzt sehen muss, wie sie aus einem Kriegsgebiet nach Hause kommt.

Für Familie Trump ist Geld da

Parallel investierte Bezos 75 Millionen Dollar in einen offenbar grauenhaften  Werbefilm über Donald Trumps Gattin Melania, der überall außerhalb der USA trotz gigantischer Werbekampagnen floppt  (und nie seine Kosten einspielen wird). Aber darum geht es auch nicht, sondern um Bestechung: Mehr als zwanzig Millionen Dollar fließen offenbar direkt in die Taschen der Trumps. Dass der US-Präsident die Prinzipien freier Märkte und die Grundsätze der modernen Ökonomik ständig mit Füßen tritt und die US-Zentralbank angreift, finden die Milliardäre den »Post«-Editorials zufolge nicht gut. Aber immerhin hat Trump ja ihre Steuern gesenkt. Es geht immer nur um noch mehr Geld. Koste es, was es wolle.

Tatsächlich sind Leute wie Bezos, Musk, Thiel und Trump nicht die Ayn-Rand-Übermenschen, für die sie sich halten. Sie verwechseln Reichtum mit Weisheit. Sie sind, psychologisch betrachtet, größenwahnsinnige, machtgierige Ausreißer, nicht der logische Endpunkt gemeinwohldienlicher Grundmechanismen. Die Epstein-Akten erlauben jetzt einen düsteren Einblick in eine Welt, in der sich solche Leute unter ihresgleichen fühlen .

Gesellschaften, die die Idee akzeptieren, dass grenzenlose Gier gut und universell ist, gehen von einer grotesk verzerrten Wahrnehmung der menschlichen Natur aus. Das geht irgendwann schief. In den USA kann man das derzeit beobachten.

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