Die Risse in der Fassade sieht nur der Mensch
Ausgerechnet eine Zeitschrift, deren Titel übersetzt »Jahrmarkt der Eitelkeiten« lautet, hat diese Woche etwas in entlarvender Weise sichtbar gemacht: Was die eitlen Medienprofis rund um Donald Trump zu beherrschen glaubten, nicht nur ihr eigenes Bild, sondern das Bild der amerikanischen Öffentlichkeit von dieser Regierung – erweist sich als brüchige Fassade.
Dafür sorgten die Kameralinsen des Fotografen Christopher Anderson und die Gespräche des Journalisten Chris Whipple mit Trumps Stabschefin Susie Wiles, die einige entlarvende Dinge über Trump und seine engsten Vertrauten preisgab: »Alkoholiker-Persönlichkeit«, »Verschwörungstheoretiker«, »rechtsradikaler Fanatiker«.
Anderson und der Autor des dazugehörigen Texts , Chris Whipple , haben das getan, was Journalistinnen und Journalisten im Idealfall tun sollten: so lange und so genau hingesehen und -gehört, dass am Ende etwas anderes herauskommt als Öffentlichkeitsarbeit, als PR. Wenn Journalismus schmeichelhaft ist, erfüllt er selten seine Aufgabe.
Journalismus sollte nicht schmeichelhaft sein
Das kollidiert mit einem Grundprinzip der Welt von Donald Trump: Schmeichelei ist dort die wichtigste Währung. Weil Trump ein Narzisst ist, wirken seine Kabinettsitzungen wie Inszenierungen aus Nordkorea, wo ein Funktionär nach dem anderen den großen Anführer lobpreisen muss. Wenn mal ein Fotograf zu genau hinsieht, erzeugt das lautstarken Unmut – wie schon das »Time«-Cover, das Trump so grässlich findet, weil man darauf seinen faltigen Hals und sein schütteres Haar sieht.
Totale message control aber gibt es nur in totalitären Systemen. Deshalb arbeiten Trumps reichste Unterstützer gerade so intensiv daran, die US-Medienöffentlichkeit unter ihre Kontrolle zu bringen: Medien und Publikum müssen Komplizen bei der Verdrehung der Realität sein und bleiben. Sonst implodiert das System Trump.
Nun stößt diese Methode an ihre Grenzen – endlich. Das betrifft nicht nur den »Vanity Fair«-Artikel und die Fotostrecke. Nicht nur die Injektionsmale an Karoline Leavitts aufgespritzten Lippen, nicht nur Stephen Millers Ähnlichkeit zu Joseph Goebbels , sondern auch die Selbstinszenierung der Trump-Getreuen an sich.
Fotograf Anderson beschrieb der »Washington Post« seine Vorstellung von Porträtfotografie so: »Nah, intim, enthüllend.« Trumps Kernteam hätte wissen müssen, wie er arbeitet, denn schon in seinem Bildband »Stump« aus dem Jahr 2014 finden sich diese extremen Nahaufnahmen. Bilder, die »die hochinszenierten rhetorischen Masken hinterfragen«, die damals Politprofis wie Barack Obama oder Mitt Romney zur Schau trugen, notierte ein Rezensent . Auch Trump hatte Anderson schon einmal so porträtiert . Der Fotograf ist dabei unparteiisch: Er zeigt alle so, wie er sie sieht. Im Weißen Haus war man offensichtlich verblendet genug, zu glauben, man könne dabei gewinnen. Das passt zum kollektiven (Selbst-)Betrug dieser Regierungsmannschaft.
Anderswo wird weiter an der Inszenierung gearbeitet, aber mit schwindendem Erfolg. Bari Weiss, die neue Präsidentin von CBS News, interviewte kürzlich Erika Kirk, die Witwe des ermordeten Rechtsextremen Charlie Kirk. Weiss, die damals schon als »konservativ« galt, hatte die »New York Times« im Jahr 2020 empört und demonstrativ verlassen. In ihrem wütenden, viralen Kündigungsbrief beklagte sie damals: »Mir wurde beigebracht, dass der Auftrag von Journalisten ist, die erste Rohfassung der Geschichtsschreibung zu liefern. Jetzt wird die Geschichte selbst zu etwas nicht mehr Greifbarem, geformt, um die Anforderungen eines vorher festgelegten Narrativs zu erfüllen.« Ihr Vorwurf war damals im Trump-Lager typisch: Die »New York Times« steckt mit den Demokraten unter einer Decke.
Vorbild Ungarn: Lauter Oligarchenmedien
Nun ist das, wenn auch unbeabsichtigt, eine ziemlich akkurate Beschreibung der Art von Öffentlichkeit, die sich Trump und seine reichen Unterstützer für ihre Seite wünschen: Message control eben. CBS News war bis vor Kurzem einer der letzten noch dem klassischen journalistischen Ethos verpflichteten US-Sender. Mittlerweile gehört er David Ellisons Paramount Skydance, derselben Firma, die gerade eine feindliche Übernahme von Warner Bros. Discovery versucht. Paramount soll Netflix ausstechen, um die Medienmacht der Familie Ellison weiter auszubauen. Es geht auch darum, CNN unter ihre Kontrolle bringen, das zu Warner Discovery gehört.
David Ellisons Vater ist Larry Ellison, Gründer von Oracle, Multimilliardär und einer der Tech-Oligarchen, die Donald Trump unterstützen. Er hat sich auch bei TikTok eingekauft . Bei Warner traut man Vater und Sohn nicht – zu Recht. Die Ellisons und andere versuchen gerade, das Modell Victor Orbán in den USA durchzusetzen: Kontrolle der Massenmedien durch wenige Superreiche, die mit dem Möchtegern-Autokraten im Präsidentenamt kooperieren. Aus Journalismus kann so Regierungs-PR werden.
Trump ist selbstverständlich dafür, er versprach sogar öffentlich , sich beim Thema Warner einzumischen. Auch sein Schwiegersohn Jared Kushner wollte mit seiner Firma beim Warner-Deal mitmachen , zog sich aber schließlich zurück.
Liebedienerische Fragen, miese Quoten
Als nun also Bari Weiss die Witwe Erika Kirk eine Stunde lang interviewte, geschah etwas Symptomatisches: »Das Ereignis enthüllte nichts über Erika Kirk, das wir noch nicht wussten. Es war nicht Journalismus, es war Öffentlichkeitsarbeit«, kommentierte »MS Now«-Kolumnist Anthony L. Fisher . Auch beim Publikum kam das Event, für das CBS intensiv geworben hatte, offenbar nicht an: Was die Quoten angeht, gilt das Format als Flop . Eine Stunde liebedienerische Fragen interessierten augenscheinlich vergleichsweise wenige Zuschauer. Viele der Fragen, die Weiss an Erika Kirk richtete, klangen, als hätte ChatGPT sie formuliert. PR kann auch die KI.
Weiss stellte keine Fragen, um interessante Antworten zu bekommen, sondern um Kirk eine Bühne zu bieten. Diese Woche verkündete Erika Kirk dann, sie unterstütze JD Vances Kandidatur um das Präsidentenamt bei der nächsten Wahl. Weiss plant, schlechte Quoten hin oder her, schon die nächste »Town Hall«: diesmal mit Vance . Man kann hier die öffentliche Bildung einer Allianz für die Zeit nach Trump beobachten: Ellison, Kirk, Vance, Weiss. Geld, Macht, Medien, Prominenz, Hand in Hand.
Politisches Theater durchdringen
CBS News ist nun Teil des MAGA-PR-Apparates, so wie Fox News, die Sinclair-Lokalsender und all die rechtsradikalen »Alternativmedien« , die Trump ins Weiße Haus einlädt. Weiss’ Aufgabe ist es jetzt, »die Anforderungen eines vorher festgelegten Narrativs zu erfüllen«, um sie selbst zu zitieren.
Ganz anders Fotograf Christopher Anderson. Der sagt , sein Ziel sei es stets, »das Bild zu durchdringen, das ein Public-Relations-Team sehen will, und etwas erreichen, das mehr über das politische Theater verrät«.
Wenn die Trump-Truppe sich auf den Fotos hässlich, bedrohlich oder erbärmlich findet, dann liegt das nicht am Fotografen. Es gibt Anzeichen, dass die Fassade im Moment auch bei den treuesten Fans Risse bekommt: die Epstein-Files, Trumps widerwärtige öffentliche Äußerungen etwa über den gemeinsam mit seiner Ehefrau ermordeten Regisseur Rob Reiner, seine überfordert wirkende Teleprompter-TV-Ansprache an die Nation, die offenkundigen Bestrebungen, mit Venezuela einen Krieg um Öl anzufangen, das alles vor dem Hintergrund steigender Lebenshaltungskosten und Arbeitslosenzahlen bei – jenseits des KI-Booms – stagnierender Wirtschaft: Die MAGA-Getreuen beginnen, öffentlich Unzufriedenheit zu äußern . Trumps Umfragewerte sinken immer weiter . Die erlebte Realität kann er nicht weglügen.
Ein sonst sehr MAGA-affiner rechtsextremer Influencer mit vier Millionen Followern auf X nannte Trumps Fernsehansprache »die vielleicht sinnloseste Prime-Time-Präsidentenrede der amerikanischen Geschichte«.
KI blickt nicht hinter die Kulissen
Die entlarvende »Vanity Fair«-Geschichte kommt also zur rechten Zeit. Und sie sagt viel nicht nur über das Verhältnis von Journalismus und PR, sondern auch über das künftige Verhältnis von Journalismus und künstlicher Intelligenz: Einen Chris Whipple, der sich über Monate immer wieder mit Trumps Stabschefin Susie Wiles traf, der ihr Vertrauen gewann, ihr eine Frage nach der anderen stellte, sie auch mal einfach reden ließ, aber immer aufpasste, mitschrieb, mitschnitt – diese Art von Journalismus wird keine KI je ersetzen können. KI blickt nicht hinter die Kulissen.
Das Gleiche gilt für die Fotos: Man kann problemlos KI-generierte Bilder erzeugen, auf denen JD Vance oder Karoline Leavitt lächerlich, müde oder hässlich aussehen. Echte Bilder von echten Menschen aber, die eine in PR-Inszenierungen wegretuschierte Wahrheit sichtbar machen, das kann nur ein Fotograf, der so genau hinsieht wie Anderson. Ein Mensch, der Menschen sieht. Wenn Journalismus aber durch PR ersetzt wird, Tiefe durch Oberfläche, Qualität durch AI-Slop – dann ist die Demokratie in Lebensgefahr.
Außenminister Rubio: »Nah, intim, enthüllend«
Foto:Christopher Anderson / Vanity Fair