»Wenn Sie sich waschen und rasieren, dann haben Sie in drei Wochen einen Job«

Bärbel Bas, von der es in der SPD heißt, sie sei ein typisches Kind der deutschen Arbeiterklasse und deshalb unverzichtbar für ihre Partei, hat vor ein paar Tagen im Bundestag den denkwürdigen Satz formuliert: »Es wandert niemand in unsere Sozialsysteme ein.« Es war eine Aussage, die in ihrer ganzen Weltabgewandtheit das Drama der SPD symbolisierte. Knapp die Hälfte der Bezieher von Bürgergeld, das nun Grundsicherung heißen soll, besitzt keinen deutschen Pass.

Mein Kollege Tobias Großekemper hat im vergangenen Herbst eine erschütternde Reportage aus Hagen  im Ruhrgebiet recherchiert. Er beschreibt, wie seit Jahren Rumänen und Bulgaren in die Stadt ziehen, in der es zwar praktisch keine Jobs gibt, dafür aber billige Bruchbuden und Zugang zum deutschen Sozialsystem. Wer die Geschichte liest, dem kommt Bas vor wie eine Naturwissenschaftlerin, die behauptet, die Erde sei eine Scheibe.

Warum ist die SPD so auf den Hund gekommen? Warum nähert sie sich in Baden-Württemberg und Bayern der Fünfprozenthürde? Weshalb fliegt sie womöglich bald aus dem ersten Parlament in Ostdeutschland? Wenn es um die Krise der Sozialdemokratie geht, dann werden von interessierten Experten gern Theorien präsentiert, die die Schuld überall sehen: bei den sozialen Medien, ruchlosen Populisten von rechts, der Globalisierung. Nur nicht bei der Partei selbst und ihrem so offenkundigen Unvermögen, die eigenen Wähler zu verstehen.

Vor Kurzem ging ein Video  des »Zeit«-Chefredakteurs Giovanni di Lorenzo viral, in dem er von dem Niedergang der deutschen Sozialdemokratie sprach. Er könne kaum glauben, sagte er in dem Podcast »Hotel Matze«, in welchem Maße der Partei das Gefühl für die Wähler abhandengekommen sei – für die Ängste, die Sorgen und die Verletzungen der eigenen Leute. Die Kraft des Auftritts lag nicht nur in dem, was di Lorenzo sagte. Sondern er sprach in dem traurig-resignierten Ton eines mitfühlenden Beobachters, der nicht fassen kann, wie sich eine große deutsche Partei selbst zerstört.

Ein Klang, mit dem jeder Malocher fremdeln muss

Zu den Ritualen eines jeden SPD-Parteitags gehört, Respekt zu verlangen für die Krankenschwester und den Busfahrer, die sich jeden Tag aus dem Bett schälen und ohne großes Aufheben ihre Arbeit verrichten. Es ist das große Verdienst der SPD, für diese Leute ein soziales Netz geschaffen zu haben, das sie auffängt, wenn sie unverschuldet in Not geraten. Deshalb ist es umso unverständlicher, warum ausgerechnet die SPD auf die Idee kam, ein Bürgergeld einführen zu müssen, das einen Klang hatte, mit dem jeder Malocher fremdeln muss. Eine Sozialleistung, die ganz selbstbewusst einen Rechtsanspruch auf Stütze formuliert und den Eindruck erweckt, man könne auch dann beim Staat vorstellig werden, wenn einem die Arbeit irgendwie lästig wird.

»Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«,  soll der ehemalige SPD-Arbeitsminister Franz Müntefering einmal gesagt haben. Das ist ein brutaler Satz. Bas würde ihn womöglich als »menschenverachtend« bezeichnen. Aber in ihm steckt die zutiefst sozialdemokratische Überzeugung, dass nur derjenige Solidarität verdient, der sich auch bemüht. Viele in der SPD glauben immer noch, dass die Ursünde der Partei die Agendareformen waren, die Gerhard Schröder durchgesetzt hat. Ich glaube, das ist ein großer Irrtum. Hätte Schröder die Nerven behalten und nicht vorzeitig Neuwahlen durchgesetzt, hätte er statt Angela Merkel die Früchte seiner Reformen ernten können.

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