Sollten wir Instagram zwingen, Schockbilder und Ekelfotos zu zeigen?
1. Glimmende Wut, rauchende Köpfe
Zwei nicht mehr ganz junge Debatten nehmen neue Fahrt auf, die Debatte über eine höhere Tabakabgabe und die über ein Social-Media-Verbot für Jugendliche. Sie könnten einander, gnihi, befeuern.
In der Tabakdebatte fordert ein Direktor der Weltgesundheitsorganisation im Gespräch mit meinem Kollegen Marco Evers deutlich höhere Preise: »Wenn man die wirklichen Kosten auf jedes einzelne verkaufte Päckchen umlegte, dann müsste eine Schachtel Zigaretten etwa 23 Euro kosten.« (Hier lesen Sie das Interview .)
Im Social-Media-Streit hat die SPD einen Vorschlag präsentiert, der Altersgrenzen für Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat vorsieht: alles verbieten für jeden unter 14. Für Ältere zwischen 14 und 16 soll es nur Jugendversionen geben – ohne suchtsteigernde Funktionen wie Endlos-Scrollen, Autoplay oder Gamifizierung. Die CDU will sich auf ihrem Parteitag am Wochenende mit dem Thema beschäftigen. Entscheiden will die schwarz-rote Bundesregierung aber erst im Sommer (hier mehr ).
Ja, nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich. Dennoch lässt sich viel lernen aus dem Umgang mit Tabakkonzernen für den mit Techriesen – aufklären, abschrecken, abkassieren.
In den USA verklagt eine 20-Jährige den Facebook-Konzern Meta, weil sie ihre Depressionen und Angstzustände auf die süchtig machenden Funktionen zurückführt. Warum die Konzerne nicht strukturell an den Folgekosten beteiligen? Wie hoch müsste eine Social-Media-Abgabe sein?
Für Tabakkonzerne gelten Werbeverbote und Einschränkungen. Sie wurden einst dazu verpflichtet, über die Gefahren des Rauchens aufzuklären. Jeder kennt die Ekelfotos auf Zigarettenschachteln: Raucherlungen, kaputte Zähne und Patienten mit Atemmasken. Warum die Techriesen nicht zwingen, bei jedem Login die schrecklichsten Bilder aus den Tiefen der Plattform auszuspielen?
Eine Altersgrenze kommt mir da vergleichsweise harmlos vor.
Lesen Sie hier mehr: Kommt das Social-Media-Verbot für Kinder unter 14 Jahren jetzt doch?
2. Singen statt springen
Ein Frosch sitzt im Topf mit wärmer werdendem Wasser und springt einfach nicht raus, bevor es kocht. Das ist das vielleicht am häufigsten verwendete Sprachbild, wenn es um die Klimakrise geht. Wir tun zu wenig, manche tun gar nichts, weil wir das Ausmaß der Bedrohung nicht erfassen wollen oder können. Der Autor Jonathan Safran Foer hat die Klimakatastrophe vor einigen Jahren als »perfekte Krise« beschrieben, als »eine, mit der das menschliche Bewusstsein nicht klarkommt« (hier das ganze Gespräch ).
Jetzt zeigt eine neue Studie, dass immerhin die Frösche auf die Klimakrise reagieren. Nur leider wird es wenig helfen. Die Frösche passen demnach ihr Gequake ans Wetter an – je wärmer es wird, desto schneller ihr Gesang.
Denn Frösche laufen zur Paarungszeit zu gesanglicher Hochform auf. Zu Beginn der Saison klingen die männlichen Frösche noch träge, bei wärmerem Wetter sind ihre quakenden Gesänge schneller und flüssiger – was bei den Weibchen besser ankommt. Durch den Klimawandel ist es mittlerweile teils schon früher im Jahr deutlich wärmer. Die Froschmännchen wechselten dadurch früher in den Turboquakmodus.
Lesen Sie hier mehr: Paarungsverhalten im Wandel
3. Gewissheiten wanken
Auf nichts ist mehr Verlass: Intervallfasten hilft wohl doch nicht besser als manch andere Diäten, wie eine neue Studie zeigt.
Volkswagen muss drastisch sparen, vielleicht sogar Werke schließen. Und im wohlhabenden Rottweil-Tuttlingen, wo die Gemeinden reich sind und die Unternehmen innovativ, scheinen die Leute auf die Versprechen der AfD reinzufallen. In keinem anderen Wahlkreis der alten Bundesrepublik bekam die Partei bei der vergangenen Bundestagswahl so viele Erststimmen.
»Es ist eine reiche Gegend. Voller Wohlstand, der womöglich bröckelt, aber keineswegs verschwindet. Und reicht das schon als Erklärung – eine kriselnde Industrie?«, fragt sich meine Kollegin Kathrin Werner. Sie hat sich in Rottweil-Tuttlingen umgehört, sie hat mit Unternehmerinnen und Unternehmern gesprochen. Eine Mischung aus Enttäuschung und Verlustängsten scheint umherzuwabern dort. Die eine Antwort für den AfD-Erfolg gibt es nicht, aber der Blick in Gegenden wie diese hilft (hier die ganze Geschichte ).
Auf nichts ist mehr Verlass? Doch, auf die deutschen Bobfahrer. »Deutschland führt im Zweierbob vor Deutschland und Deutschland«, lautete heute eine Schlagzeile über unserem Liveblog zu den Olympischen Winterspielen. Abwärts, das können wir.
Verfolgen Sie alle Olympia-News hier: Der Liveblog
Was heute sonst noch wichtig ist
Ministerium für Homeland Security jagt ICE-Kritiker in sozialen Netzwerken: Das Ministerium hat Google, Meta und Co. laut »New York Times« Hunderte Auskunftsanforderungen geschickt, um Daten von Nutzern zu erhalten, die die Einwanderungs- und Zollbehörde ICE kritisieren. Die Konzerne kamen einigen Anfragen nach.
Dobrindt verlängert Grenzkontrollen bis mindestens September: Innenminister Dobrindt hält die Kontrollen an Deutschlands Grenzen aus migrations- und sicherheitspolitischen Gründen weiterhin für notwendig. Nun soll die Maßnahme bis in den Herbst fortgesetzt werden.
Topmilitärs aus Deutschland und Großbritannien fordern Aufrüstung Europas: In einem offenen Brief mahnen Bundeswehr-Generalinspekteur Breuer und der britische Generalstabschef Knighton, sich rechtzeitig auf einen möglichen Angriff Russlands vorzubereiten. Ihr Appell richtet sich auch an jeden einzelnen Bürger.
Meine Lieblingsgeschichte heute: Mit dem Maga-Nachwuchs die Liebe feiern
Ein Influencer hat eingeladen: Es gibt Trump-Goodies, McDonald’s-Häppchen und ein Privatkonzert des Rappers Waka Flocka Flame. Um Politik soll es nicht gehen, nur um Romantik. Wie höllisch kann das werden? Meine Kollegin Nicola Abé hat am Valentinstag eine MAGA-Party in Washington, D.C., besucht.
Hier ist ihr Bericht: Wie ich mit dem MAGA-Nachwuchs die Liebe feierte
Was heute weniger wichtig ist
Chabos wissen, wo der Babo wohnt: Nina Anhan, 34, Ehefrau des Rappers Haftbefehl, 40, hat Einbrecher auf frischer Tat ertappt, wie sie auf einem inzwischen gelöschten Instagram-Post kundtat und wie die Polizei mitteilte. Die Täter hebelten demnach eine Terrassentür im Haus der Familie im Kreis Böblingen auf und stiegen ein, bevor Anhan nach Hause kam. Sie schleuderte ihnen via Social Media hinterher: »Ihr kommt mir nicht so einfach davon.«
Mini-Hohl
Hier finden Sie den ganzen Hohl.
Cartoon des Tages
Und heute Abend?
Wenn Sie eine Xbox, Playstation 5 oder einen PC haben – folgen Sie einer Empfehlung meines Kollegen Michail Hengstenberg und laden Sie sich »The Berlin Apartment« herunter. Das Spiel ist gerade erschienen und erzählt die Geschichte einer Berliner Wohnung und ihrer Bewohner über mehrere Jahrzehnte.
Michail Hengstenberg hat sich mit der Frage beschäftigt, ob Games als interaktive Geschichtsstunde taugen. Bei »The Berlin Apartment« kommt er zu einem klaren »Ja«. Dort schlüpfe man etwa in die Rolle des jüdischen Kinobesitzers Josef, der im Jahr 1933 anhand einer Liste seinen Koffer packen müsse. »Schnell wird deutlich: Hier geht es nicht um Urlaub, sondern um eine Flucht in letzter Sekunde«, schreibt Michail.
Während man auf der Suche nach den Gegenständen durch die Wohnung eilt, beschwert sich von unten die Nachbarin wegen des Lärms und droht, die Hilfspolizei zu rufen. »Es beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit, die Angst überträgt sich vom Spiel auf den Spieler«, schreibt Michail. Später, in der Episode von 1945, öffnet man die Tür, die eben noch in Josefs mondänes Arbeitszimmer geführt hat – und blickt nun durch die zerbombte Fassade auf das zerstörte Berlin (hier die ganze Rezension ).
Das Spiel ist zwar mit knapp 25 Euro nicht ganz billig, aber auch nicht viel teurer als ein Kinofilm mit Überlänge. Ungefähr so lange dauert es auch – ist aber, weil interaktiv, deutlich fesselnder.
Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion
Teenager mit Smartphone: Immer mehr suchtgefährdete Kinder und Jugendliche
Foto: Paul Hanna / AFPFrosch auf einem Stein
Foto:Danita Delimont / IMAGO
AfD-Plakat in Tuttlingen: »Weltuntergang beschreiben und dann zu sagen, wir waren es nicht – das ist die Taktik«
Foto:Jeannette Petri / DER SPIEGEL
MAGA-Party in Washington, D.C.: Paarungsprobleme sind überall die gleichen
Foto: Shindel MediaAus einer Karte in der »Westdeutschen Zeitung« für den geplanten Karnevalsumzug in Kempen am Niederrhein (NRW)
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Klaus Stuttmann
Screenshot aus »The Berlin Apartment«: Hier geht es nicht um Urlaub, sondern um eine Flucht in letzter Sekunde
Foto: Blue Backpack