Kann denn Scrollen Droge sein?

1. Wege in die Scrollsucht

»Ich hasse das Fernsehen. Ich hasse es wie Erdnüsse. Aber ich kann nicht aufhören, Erdnüsse zu essen«, hat Orson Welles einst gesagt. Welles starb 1985 und hatte noch keinen Schimmer, dass es in ferner Zukunft ganz andere verführerische Medien wie TikTok geben könnte. Heute wurde bekannt, dass die Europäische Kommission glaubt, wesentliche Merkmale des Designs von TikTok machten süchtig. Das ist das vorläufige Ergebnis ihrer Untersuchung, die Verstöße der Social-Media-App gegen den Digital Services Act (DSA) nahelegt. Nun droht TikTok eine Strafe (lesen Sie hier mehr dazu).

Besonders kritisiert werden unter anderem Funktionen wie das »Infinite Scroll«, bei dem man ohne jegliche Begrenzung zu immer weiteren Inhalten gelangt, und ein extrem personalisierter Empfehlungsalgorithmus. Nach Ansicht der Kommission fördern die Funktionen süchtig machendes Verhalten und beeinträchtigen die Selbstkontrolle der Nutzer. Das könne besonders Minderjährige treffen, aber auch Erwachsene, die dafür empfänglich sind.

Laut der Untersuchung hat TikTok es versäumt, die Risiken seiner Funktionen angemessen zu bewerten und wirksame Maßnahmen zur Risikominderung umzusetzen. Sollten die vorläufigen Ergebnisse bestätigt werden, drohen TikTok Bußgelder, die bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes des Unternehmens betragen könnten.

In den vergangenen Monaten wurden die Risiken und Nebenwirkungen von Social Media in vielen Ländern verstärkt thematisiert. Zuletzt hatte Australien eine Altersbeschränkung eingeführt, die es Jugendlichen unter 16 Jahren verbietet, bestimmte Social-Media-Dienste zu nutzen. Auch in Europa gibt es ähnliche Erwägungen. So wird in Spanien debattiert, ob das Land dem australischen Beispiel folgt.

  • Lesen Sie hier die ganze Geschichte: EU-Kommission sieht Suchtgefahr, TikTok droht Strafe

2. Der mutmaßliche Anschlag kommt zu einem heiklen Zeitpunkt

In Moskau sind heute Morgen nach offiziellen Angaben »mehrere Schüsse« auf General Wladimir Aleksejew abgegeben worden (hier mehr dazu). Aleksejew ist stellvertretender Chef des russischen Militärgeheimdiensts, der Hauptverwaltung des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation (ehemals Hauptverwaltung für Aufklärung, GRU, und von vielen immer noch so genannt).

Die Schüsse auf den russischen General haben Moskau in Aufruhr versetzt. Außenminister Sergej Lawrow warf der Ukraine vor, hinter dem mutmaßlichen Anschlag zu stecken (hier mehr).

Aleksejew ist in einem Moskauer Wohnhaus von mehreren Schüssen getroffen und ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die Ermittlungen zu den Hintergründen und die Fahndung nach dem oder den Tätern seien im Gang, erklärte die Sprecherin des Ermittlungskomitees. Lawrow bezeichnete die Schüsse als Terroranschlag und Provokation der Ukraine. Er warf Kyjiw vor, damit die Verhandlungen im Ukrainekrieg zu gefährden.

Auffällig ist der Zeitpunkt des Anschlags. »Das Attentat kommt in einem heiklen Moment: Gerade haben die Ukraine und Russen unter Vermittlung der USA ihre neue Gesprächsrunde in Abu Dhabi beendet«, sagt meine Kollegin Christina Hebel, SPIEGEL-Korrespondentin in Moskau. In Abu Dhabi dabei war Igor Kostjukow, Chef des russischen Militärgeheimdiensts und Vorgesetzter Aleksejews.

Sollen die Friedensverhandlungen torpediert werden, wie Lawrow behauptet? Oder haben die Ukrainer, wenn sie es wirklich waren, den Moment genutzt, um an den General Aleksejew ranzukommen? »Der hat eine entscheidende Rolle im Krieg gegen die Ukraine gespielt«, so meine Kollegin Christina. »Auch weil er unter anderem russische Söldnertruppen verantwortet hat. Er gilt als einer der klügsten Köpfe im Militärgeheimdienst.« (Sehen Sie hier ein Video.)

Es handle sich bereits um den vierten Anschlag auf hochrangige Militärs in Moskau und Umgebung seit ungefähr einem Jahr. »Das Attentat belegt, wie verwundbar selbst Generäle in der russischen Hauptstadt geworden sind. Und es zeigt das Versagen der russischen Sicherheitsbehörden.«

  • Lesen Sie hier die ganze Meldung: Topgeneral Aleksejew in Moskau niedergeschossen

3. »Extra 3« entschuldigt sich für Grönland-Scherze

Die NDR-Satiresendung »Extra 3« hat einen umstrittenen Grönlandbeitrag gestrichen – und stattdessen eine Entschuldigung gesendet. Am Ende von »Extra 3« am Donnerstagabend präsentierte man nicht wie üblich eine Schlusspointe. Statt eines Beitrags mit dem Comedian Maxi Schafroth im grönländischen Nuuk zeigte man eine mehrere Minuten dauernde Erklärung von Moderator Christian Ehring, warum ebendieser Beitrag nicht zu sehen ist (hier mehr).

Auch Schafroth kam in Einspielern zu Wort. Er hatte Ende Januar vor dem Kulturzentrum in Nuuk vorgegeben, Vertreter der US-Regierung zu sein, und Interviews mit verblüfften Inselbewohnern geführt (hier mehr dazu). Auch eine US-Flagge wollte Schafroth hissen. Auf Videos in sozialen Medien ist zu sehen, wie mutmaßliche Mitarbeiter des Kulturzentrums ihn aufhalten. Die Bürgermeisterin des Verwaltungsbezirks Kommuneqarfik Sermersooq, zu dem Nuuk gehört, zeigte sich anschließend empört.

Schafroht erklärte nun, er habe selbst schnell gemerkt, »dass wir uns da vergriffen haben«.

Den Sketch zurückzuziehen sei – mal ungeachtet der hohen Reisekosten, die dafür angefallen sein dürften – eine weise Entscheidung, findet mein Kollege Arno Frank. »Ohnehin können sich die Grönländer derzeit kaum vor Spaßvögeln retten, die in Nuuk oder sonst wo ihre ebenso lästigen wie lahmen Gags inszenieren wollen.«

Empört hatte sich kein Amerikaner, empört hatten sich Grönländer, die Schafroths Aktion nicht so witzig fanden, wie man sich das in der Redaktion wohl gedacht hatte. »Die Angst der Einwohner vor einer US-Invasion ist real, das gilt es zu respektieren«, findet Arno. »Man stelle sich vor, ein Witzbold hisste die russische Fahne in Tallinn oder Helsinki. Wenn die Satire zu nah an der Realität siedelt, kann sie weder Erkenntnis stiften noch zum Lachen reizen.«

  • Lesen Sie hier die ganze Geschichte: NDR-Satiresendung »Extra 3« streicht umstrittenen Grönlandbeitrag

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Russische Militärblogger beklagen Ausfall von Starlink-Terminals an der Front: Haben Putins Truppen den Zugang zum Satelliten-Internetdienst Starlink verloren? Elon Musk hatte entsprechende Schritte angekündigt. Ukrainische Militärs und russische Blogger berichten nun über die Folgen für Moskaus Soldaten.

  • Mindestens 31 Menschen sterben bei Anschlag in Pakistan: Ein schiitisches Gemeindehaus nahe der pakistanischen Hauptstadt Islamabad ist zum Ziel eines Angriffs geworden. Behörden berichten von Toten und vielen Verletzten.

  • Kind soll 14-Jährigen in Dormagen getötet haben: Der 14 Jahre alte Yosef ist in Dormagen möglicherweise von einem Kind getötet worden. Die Ermittler haben sich in einer Erklärung an die Öffentlichkeit gewandt.

Meine Lieblingsgeschichte heute:

Emma Stone zerdeppert gleich mehrere Laptops, Sabrina Carpenter baut sich einen Traummann aus Kartoffelchips, Matthew McConaughey spielt einen durchgeknallten Verschwörungstheoretiker: Für das Sport-Großereignis Super Bowl haben viele Stars teils sehr originelle Werbespots aufgenommen. Die sind nach Meinung meiner Kollegin Kim Staudt »genauso spannend wie das Spiel«. Das angeblich größte Einzelsportereignis der Welt am Wochenende, das 60. NFL-Finale, ist auch für die Werbeindustrie ein Spektakel. Der Hype ist so groß, dass viele Menschen das Spiel vor allem wegen der Werbung schauen. Meine Kollegin Kim stellt ein paar der tollsten Spots vor – um die Wirkung zu maximieren, veröffentlichen viele Firmen ihre Super-Bowl-Spots vorab; in Deutschland überträgt RTL das Spiel, hier sind die Spots bei der Übertragung nicht zu sehen. »Die Unternehmen erreichen ein größtmögliches Publikum«, so Kim, »das rechtfertigt Preise von rund acht Millionen Dollar für einen 30-Sekunden-Spot. Im vergangenen Jahr schalteten laut einer Messung allein in den USA eine Rekordzahl von 191,1 Millionen Menschen beim Super Bowl mindestens eine Minute ein.«

  • Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Diese Stars machen Werbung in Super-Bowl-Spots

Was heute weniger wichtig ist

Spaßbremse aus Bürgerpflicht: Bastian Pastewka, 53, Komiker und Schauspieler, mag über Autokraten und Demokratie-Saboteure nicht lachen. Leute wie Donald Trump hätten »keinen Humor«, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Das macht sie zu mitunter lächerlichen Figuren, aber diese Lächerlichkeit darf uns nicht täuschen«. Uns allen müsse klar sein, »dass das, was speziell ein US-amerikanischer Präsident momentan macht, brandgefährlich für den weltweiten Zusammenhalt ist.«

Mini-Hohl

Hier finden Sie den ganzen Hohl.

Cartoon des Tages

Und heute Abend?

Könnten Sie mal wieder ins Kino gehen und sich den offenbar großartigen Film »Ein Kuchen für den Präsidenten« ansehen. Die Tragikomödie des irakischen Regisseurs Hasan Hadi begeistere und bezaubere die Kritik und das Publikum in vielen Ländern, schreibt mein Kollege Lars-Olav Beier .

Erzählt wird in dem Film von der neunjährigen Lamia (Baneen Ahmed Nayyef), die in den Neunzigerjahren im mesopotamischen Marschland lebt und allein mit ihrer Großmutter in einer kargen Hütte haust. Die Menschen leiden unter dem Krieg im Land. Weil der Diktator Saddam Hussein bald Geburtstag feiert, werden die Kinder in der Schule genötigt, ihm Geschenke zu machen. Lamia soll einen Kuchen backen. Sie fährt mit ihrer Großmutter in die Stadt, um Mehl, Zucker und Eier aufzutreiben, und streift bald mit einem Schulkameraden allein durch die Stadt.

Der Regisseur Hadi hat international eine Menge Anerkennung und viele Preise für den Film bekommen. »Kaum zu glauben, was für pulsierende, berührende und vergnügliche Szenen er mit seinen Laiendarstellern geschaffen hat«, schwärmt mein Kollege Lars-Olav. »Im Zentrum des Films stehen die beiden Kinder, die man als Zuschauer immer mehr ins Herz schließt. Man mag nicht von ihrer Seite weichen, wenn sie sich ihren Weg durch die Stadt bahnen, sich niemals unterkriegen lassen und dabei nach und nach merken, wie viel sie füreinander empfinden.«

Einen schönen Abend. Herzlich

Ihr Wolfgang Höbel, Autor im Kulturressort

TikTok-Logo

Foto: Monika Skolimowska / dpa

General Aleksejew

Foto: Russisches Verteidigungsministerium

Satiriker Schafroth am Fahnenmast vor dem Kulturzentrum im grönländischen Nuuk

Foto: Ina Fassbender / AFP

Sabrina Carpenter und ihr Pringles-(Traum)-Mann

Foto: Ad Vault / YouTube

Bastian Pastewka

Foto:

Christoph Hardt / Panama Pictures / picture alliance

Aus der »Ludwigsburger Kreiszeitung«

Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.

Thomas Plaßmann

Hauptdarstellerin Baneen Ahmed Nayyef

Foto: Vuelta / 24 Bilder

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