Stell dir vor, es ist Krieg – und manchmal kommt er auch in Moskau vorbei
Tatort Moskau
Der Krieg gegen die Ukraine, der laut Kreml nicht Krieg genannt werden soll, sondern »militärische Spezialoperation«, ist in Russland kaum mehr zu leugnen. Es dringen immer mehr Drohnen in Putins Reich ein. Laut einer SPIEGEL-Analyse russischer Telegram-Kanäle stieg die Zahl der Drohnenangriffe 2025 um ein Drittel an (mehr dazu hier ). Im Grenzgebiet »ist der Lärm der Drohnen- und Flugabwehr längst Alltag, im Landesinneren wächst die Nervosität«, schrieb mein Kollege Alexander Chernyshev kürzlich in seiner aufwendigen Analyse der Kyjiwer Drohnenoffensive.
Aber auch durch andere Angriffe macht sich der Krieg gegen den Nachbarn im eigenen Land bemerkbar. Am Freitagmorgen wurde General Wladimir Aleksejew mit mehreren Schüssen verletzt. Der 64-Jährige ist stellvertretender Chef des Militärgeheimdienstes GRU. Der Tatort: das Moskauer Wohnhaus des ranghohen Militärs mitten in Moskau. Aleksejew hatte nicht nur eine wichtige Rolle im syrischen Bürgerkrieg, wo Moskau den vor mehr als einem Jahr gestürzten Diktator Baschar al-Assad unterstützte, sondern auch im Krieg gegen die Ukraine.
Er wurde in ein Krankenhaus gebracht. Der Kreml wünschte gute Genesung.
Dass ein mutmaßliches Attentat auf einen so ranghohen Militärangehörigen möglich ist, zeigt eklatante Schwachstellen der russischen Sicherheitsbehörden – nicht zum ersten Mal. Aleksejew ist der vierte Fall innerhalb eines Jahres. Allein zwei Militärangehörige kamen durch Autobomben ums Leben. Noch ist vieles unklar und vieles wird wahrscheinlich auch unklar bleiben. Russlands Außenminister Sergej Lawrow machte jedoch Kyjiw für die Schüsse verantwortlich.
Auch wenn man das Wort »Krieg« verbietet, heißt es nicht, dass er einem vom Leib bleibt.
Mehr Hintergründe hier: »In Bachmut ist man sicherer als in Moskau«
Bad Bunny vs. Kid Rock
Es ist die ewige Diskussion: Wie politisch soll, darf der Sport sein? Die Frage stellt sich nicht nur während Fußball-Weltmeisterschaften in autoritären Systemen, sondern auch an diesem Sonntag beim Super Bowl, dem Endspiel der US-Profiliga im American Football.
Wenn der Präsident Donald Trump heißt und so manch rigorose Politik fährt, dann können sogar Unterhaltungsprogramme mitunter extrem politisch sein. Beim Super Bowl handelt es sich nicht nur um eines der größten Sportereignisse – ihre Halbzeitshow ist eine der spektakulärsten Unterhaltungsshows weltweit. Wer hier auftritt, ist ein Superstar.
Dieses Jahr ist der Hauptact Bad Bunny aus Puerto Rico, bürgerlicher Name Benito Antonio Martínez Ocasio (mehr zu ihm hier ) – und Donald Trumps »Make America Great«-Bewegung (MAGA) geht seit Wochen auf die Barrikaden. In einer Zeit, in der maskierte Beamte der Einwanderungsbehörde ICE nichtweiße Menschen von der Straße wegschnappen und die Regierung Migranten als Feinde deklariert, stellt sich Bad Bunny hin und singt vorwiegend auf Spanisch. Und das mit großem Erfolg. Dafür gab es zuletzt drei Grammys. Bei seiner Dankesrede sagte er: »Wir sind keine Wilden, wir sind keine Tiere, wir sind keine Aliens – wir sind Menschen« – und meinte wohl alle, die ihre Heimat verlassen haben oder verlassen mussten. Viele andere Künstler zeigten sich ähnlich ICE-kritisch (mehr dazu hier) – auch Preisverleihungen könnten wieder politischer werden, wie es aussieht.
Als MAGA-Mensch kann man übrigens auf eine Gegenveranstaltung ausweichen, wenn man kein Spanisch mag. Die rechtskonservative »Turning Point USA«-Organisation stellt zeitgleich eine eigene Show auf die Beine. Bei der »All American Halftime Show« sind unter anderem Kid Rock als Headliner und jede Menge Countrystars angekündigt. Das Ganze ist als Streaming-Event aufgezogen, es gibt offenbar keinen Veranstaltungsort mit Publikum.
Die ganze Geschichte hier: Er ist der Musiker der Stunde – und der Albtraum Donald Trumps
Flood the zone with Akten ohne Ende
Allein die Menge scheint kaum beherrschbar: Mehr als drei Millionen Dateien, rund 300 Gigabyte, etwa 180.000 Fotos und 2000 Videos hat das US-Justizministerium im Fall des verurteilten Sexualstraftäters Jeffrey Epstein vor ziemlich genau einer Woche veröffentlicht. Sie sind seither für jeden zugänglich, eine mehr oder weniger zuverlässige Suchmaske auf Seite des Ministeriums steht für jeden bereit (mehr dazu hier ). Aus Sicht der US-Regierung von Donald Trump wurde damit dem Gesetz »Epstein Files Transparency Act« Genüge getan – und damit der Forderung der vielen Opfer von Epstein nach Offenlegung.
Was ist nun der Erkenntnisgewinn? Redaktionen in aller Welt, aber auch private Nutzer, Aktivisten, Rechercheure, Politiker durchforsten die Seiten, es vertieft sich das Bild eines Systems, in dem ein Pädokrimineller Zugang zur globalen Machtelite hatte, sie vernetzte und notorisch fotografierte. Ein Klub, dessen Mitglieder sich zum Teil offenbar nicht an den Machenschaften Epsteins störten, im Gegenteil (mehr dazu in unserer Titelgeschichte ).
Diese Saga scheint noch lange nicht auserzählt, auch wenn das Justizministerium erklärt, dies sei die letzte Veröffentlichung gewesen, es würden keine weiteren Anklagen in Erwägung gezogen. Insofern dürfte bezweifelt werden, dass der lange geforderten Transparenz Heilung folgt.
Es war Steve Bannon, der ehemalige Chefstratege von Trump aus dessen erster Amtszeit, der sagte: »Flood the zone with shit«: Kipp nur genug und immerwährend Scheiße aus, damit die Leute nicht nachdenken, hinterfragen, einfach nur überfordert sind. Die Schaffung einer immerwährenden Ablenkung in Zeiten des Informationsüberflusses und kurzer Konzentrationsspannen – dafür steht die Veröffentlichung der Akten. So könnte die Transparenz in ihr Gegenteil umschlagen, schreiben meine Kollegen Arno Frank und Max Hoppenstedt: »Wer alles zeigt, zeigt nichts. Wenn sich jeder informieren kann, versteht niemand etwas.«
Es könnte eine Goldstunde für den Qualitätsjournalismus werden, der eben nicht schnell raushaut, sondern prüft, sortiert, einordnet.
Mehr Hintergründe hier: Wie die US-Justiz die Opfer der Epstein-Verbrechen im Stich lässt
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Verlierer des Tages…
…ist wohl William Wallace.
Dem schottischen Widerstandskämpfer aus dem 14. Jahrhundert ist die späte zweifelhafte Ehre zuteilgeworden, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zur »Fastnacht in Franken« in die Klamotten des »Braveheart« geschlüpft ist. Eines muss man dem kostümverrückten Spitzenpolitiker lassen: Er kann einfach alles tragen. Von Shreck bis Marilyn Monroe, wie in den vergangenen Jahren bewiesen.
Okay – jetzt also der Widerstandskämpfer. Vielleicht die eigene Rolle leicht übertrieben. Zwar fällt der Bayer häufiger mit einer Berlin-Antipathie auf, aber glücklicherweise muss er weder gegen eine Krone kämpfen, noch besteht die Gefahr, dass er wegen Hochverrats gevierteilt und ausgeweidet wird wie das Original 1305.
Mehr Hintergründe: Söder geht als »Braveheart« zur Fastnacht
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
Hauptstadtflughafen BER bittet Passagiere um Geduld: Wegen Blitzeis ging am Berliner Flughafen vorübergehend nichts mehr, inzwischen wurde der Betrieb wieder aufgenommen. Aber noch nicht alles läuft wieder rund.
Trump nennt Gespräche mit Iran »sehr gut«: Der US-Präsident hat Iran zuletzt mit einer Militärintervention gedroht. Bei indirekten Verhandlungen über Teherans Atomprogramm gab es nun offenbar Signale der Entspannung.
Zwei Eiskletterer tödlich verunglückt: In Bayern ist ein 22-Jähriger beim Eisklettern ums Leben gekommen. Auch in Österreich starb ein Mann in den Bergen, ihm wurde ein herabstürzender Eiszapfen zum Verhängnis.
Heute bei SPIEGEL Extra: Raus aus dem »Angstkorridor«
Zwischen Fachkräftemangel und Fremdenangst: Die Migration beherrscht Debatten und Wahlkämpfe, der Politikbetrieb wirkt ratlos. Drei führende Forscherinnen sprechen über Gefahren und mögliche Auswege .
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihre Özlem Topçu, Leiterin des SPIEGEL-Auslandsressorts
Topgeneral Alexejew: Eklatante Schwachstellen der russischen Sicherheitsbehörden
Foto: Pressedienst des russischen Verteidigungsministeriums / AP / dpaKünstler Bad Bunny: »Wir sind keine Wilden«
Foto: Carlos Barria / REUTERSFBI-Grafik zu Epstein: Noch lange nicht auserzählt
Foto:Jon Elswick / AP
Braveheart Söder: Er kann einfach alles tragen
Foto: Daniel Löb / dpaAnti-ICE-Proteste in Minneapolis
Foto:Julia Demaree Nikhinson / AP / dpa