Weshalb Kim Novak nicht von Sydney Sweeney dargestellt werden will

Mit Hollywood ist sie schnell durch gewesen. 1958 war Kim Novak der Star des Films, der auch heute noch in Kritikerlisten regelmäßig als bester Film aller Zeiten gefeiert wird: Alfred Hitchcocks »Vertigo«. Danach spielte sie noch in einigen weiteren Produktionen mit und begann schließlich, auch selbst zu produzieren, um Einfluss auf das damals in Hollywood gängige Geschlechterbild zu nehmen. Sie wollte stärkere, mehr selbstbestimmte Frauen zeigen. Leider liefen ihre Bemühungen ins Leere. Mitte der Sechzigerjahre gab sie das Produzieren auf und verabschiedete sich weitgehend vom Kinobetrieb.

Was nicht heißt, dass Novak sich seither nicht dann und wann zu Wort meldet, wenn sie glaubt, dass historische Ereignisse falsch dargestellt werden. Sie ist eine der wenigen unverbrüchlichen Stimmen, die noch Zeugnis über das klassische US-Studiosystem ablegen können. Und das auch wollen.

Gerade erst Anfang September stellte die Schauspielerin bei den Filmfestspielen von Venedig die Dokumentation »Kim Novak’s Vertigo« vor, in der sie ihre Sicht auf den Entstehungsprozess des formsprengenden Krimi-Melodrams darlegte. Zu diesem Anlass wurde sie auch für ihr Lebenswerk geehrt.

Das sieht Novak, 93, nun wieder einmal bedroht.

Denn zurzeit wird unter dem Titel »Scandalous« ein Biopic vorbereitet, das die Beziehung von Novak zu Sammy Davis Jr. behandeln soll. Die weibliche Hauptrolle steht schon fest, sie wird von Sydney Sweeney (»The Housemaid«) übernommen.

Und genau daran stört sich Novak. In der britischen »Times«  schoss sie nun scharf gegen die Besetzung. Sie hätte niemals ihre Zustimmung gegeben für Sweeney: »Sie wäre komplett die Falsche, um mich darzustellen.« Novak befürchtet bei einem Cast mit Sweeney vor allem, dass lediglich der sexuelle Aspekt der Beziehung behandelt würde: »Wie sollte es nicht um Sex gehen? Sydney Sweeney sieht einfach immer sexy aus.« Dabei, so Novak, sei es bei ihr und Davis um anderes gegangen: »Wir hatten so viel gemein.«

Der Trotz, der sie verband

Novak und Davis verbrachten seit Ende der Fünfzigerjahre immer wieder Zeit miteinander; sie lud ihn sogar Weihnachten zu ihrer Familie nach Chicago ein. Die Beziehung war von den beiden öffentlich nie ausdefiniert worden – wohl auch, weil es der Rassismus der Zeit nicht zuließ. Es war schon ein Skandal, dass da ein schwarzer Mann mit einer weißen Frau befreundet war. In den wenigen Filmaufnahmen, die es von ihnen gemeinsam gibt, sehen die beiden stets sehr glücklich und verschmitzt aus, die Anziehung muss enorm gewesen sein. Davis sagte einmal, dass beide neben vielem anderen vor allem eines verband: Trotz.

Von der Presse wurde das Verhältnis argwöhnisch beobachtet. Und die Bosse der Unterhaltungsindustrie sorgten sich, dass ihre Stars, die zu den zugkräftigsten des späten klassischen Hollywoods gehörten, an Popularität einbüßen könnten. Davis trat gemeinsam mit Frank Sinatra und Dean Martin auf, auf der gemeinsamen Bühne gab es keine Segregation. Im Leben war das anders. In einer Umfrage Ende der Fünfzigerjahre empfanden nur vier Prozent der teilnehmenden Personen Ehen zwischen Schwarzen und Weißen als akzeptabel; in einzelnen US-Bundesstaaten wurden solche Verbindungen damals sogar noch geahndet. Novak heiratete 1965 den weißen Schauspieler Richard Johnson, Davis heiratete später eine schwarze Tänzerin. Da war der Tabubruch bereinigt.

Der tief verwurzelte Rassismus in den USA

Deshalb ist es nachvollziehbar, dass sich Novak jetzt so vehement in die Casting-Diskussion zum Biopic einbringt: So wie sie als visueller Fixpunkt von »Vertigo« den Sexismus der damaligen Gesellschaft am eigenen Leib erfuhr, erlebte sie durch ihre Beziehung mit Davis, wie tief der Rassismus in die US-Gesellschaft eingeschrieben war.

Sweeney will dieses schwierige, komplizierte Kapitel aus Novaks Leben nicht nur spielen, sondern auch produzieren. Mit der älteren Schauspielerin gesprochen hat sie bislang aber offensichtlich nicht. Gut möglich, dass Novaks ablehnende Haltung auch aus der Tatsache resultiert, dass die jüngere Kollegin so lange zu einer als rassistisch lesbaren Werbekampagne des Hosenherstellers American Eagle schwieg.

Das Motto der Kampagne lautete »Sydney Sweeney has great Jeans« – und spielte offenbar auf den Gleichklang zwischen Jeans und »genes« an, dem englischen Wort für Gene. Trump-Anhänger hielten die weiße, blonde, normschöne Darstellerin daraufhin für eine der Ihren und vereinnahmten sie – wovon sich Sweeney erst sehr spät und sehr zaghaft distanzierte.

Das ist wirklich ein bisschen zu wenig, wenn man von der vielleicht prominentesten Hollywoodbeziehung ihrer Zeit erzählen will, die dem amerikanischen Rassismus zum Opfer fiel.

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