Raubtiere auf Paarungssuche
Album der Woche:
Wer steht schon gern im Regen? Mit dieser Musik aber genießt man jeden dicken Tropfen, der einem– tock-tock-tock-a-tock – auf das erhitzte Haupt hämmert wie die erst leisen, dann immer vehementer und selbstgewisser klopfenden Elektronikbeats von »Rain«, dem ersten Song vom neuen Album der Londoner Band PVA. »Good Morning«, haucht Sängerin Ella Harris träge und lasziv ins Ohr wie eine erotische Tutorial-KI. Schon klar: Das hier ist Kopfhörer-Musik, Abklingbecken-Sounds für die erste halbe Stunde nach dem Rave, im Bus, in der U-Bahn, im Uber oder halt leicht taumelnd und desorientiert auf der Straße. »Headrush screaming«, »fading kick in the distance«, das sind brutale Impressionen, die Harris anreicht wie Echos aus dem verhallenden Rausch: Guten Morgen, Stimme in meinem Kopf, ich kann dich ja plötzlich wieder hören!
PVA ist einer dieser mehr oder minder sinnvoll unter Post-Postpunk zusammengefassten Bands, die vor der Pandemie in der boomenden Musikszene um den Südlondoner Klub The Windmill bekannt wurden. 2022 erschien das Debütalbum »Blush«, das von einigen britischen Medien unter die besten des Jahres gewählt wurde.
Anders als verwandte Acts wie Squid, Dry Cleaning oder Black Midi betonte das Trio nicht den Gitarrenpart von Postpunk, sondern die elektronische Techno-Komponente, die Klub- und Tanztauglichkeit; neben Harris gehören Josh Baxter and Louis Satchell zur Besetzung. Die Themen der Texte kreisen um Queerness, Geschlechteridentität und – zumeist betont sexuell – um das Körpererlebnis.
Wie wohl jede Band, die einen ersten kleinen Hype erlebt hat und für schweißtreibende, pulsierende Liveshows gerühmt wird, nutzen auch PVA ihr zweites Album als Showcase für das, was sie möglicherweise sonst noch draufhaben – oder eben auch nicht. PVA zwingen ihr Publikum zunächst dazu, mit ihnen aus der Party in die Chill-out-Area zu treten, durchzuatmen und nachzufühlen, was das denn das eigentlich gerade alles war. »No More Like This« (etwa: »So geht das nicht mehr«) enthält schon im Titel die Weigerung, sich zu wiederholen: So wie bisher geht es nicht weiter, aber was soll jetzt kommen?
Vielleicht der anschmiegsame, melodische Trip-Hop von »Boyface«, der mit der Lust an Genderfluidität spielt (»You’ve got a boy’s face/ And soft lips«). Oder der Beinahe-Industrial-Sound von »Anger Song«, der seinen ganzen angestauten Ärger eigentlich entladen will, aber unter größter Anspannung in ruhigere Gefilde gezwungen wird.
Am besten sind PVA, wenn ihre rohe Energie und Aggressivität durch die neue, selbstverordnete Kontrolliertheit zu brechen droht und die einzelnen Tracks auf einer imaginären Schwelle zwischen Exzess und Kontrolle balancieren, so wie in »Peel«, »Send« und »Mate«, in denen die sezierende Klarheit der einzelnen Klangelemente an den Nerven des Hörenden zerrt, jedes Klacken, jedes metallische Dengeln, jeder Synthie-Akkord eine sensorische Attacke. Ein ultra-kontrollierter, aber wildes Adrenalin pumpender Soundtrack für ein Raubtier auf Paarungssuche.
»Enough«, der nervös zischelnde zweite Song, bringt diese Gleich-knallt’s-Stimmung brillant auf den Punkt. Auch hier sind die letzten Zuckungen der Rave-Energie von PVA noch zu spüren, der Gesang von Harris ist erneut gefiltert und zerkratzt wie auf früheren Stücken. Doch ihre Stimme existiert in den neuen Tracks mehr und mehr isoliert von der Musik, die sich jetzt weiter ausdifferenziert, Räume für Nuancen und Stimmungen öffnet.
Man kann das mit der Intimität vergleichen, die The xx in ihrem immer auch zum schüchternen Tanz animierenden Elektronikpop erzeugt haben. Kurz vor dem für dieses Jahr erwarteten Comeback dieses Trios als Band positionieren sich PVA mit ihrem zerrissenen, aber faszinierenden Album als jüngere und zeitgeistig aggressivere Epigonen dieser Genre-Pioniere. Softcore war gestern. (7.8/10)
Kurz Abgehört:
Avaion – »To Make People Happy«
Zu einem möglicherweise denkwürdigen Auftritt kam es am vergangenen Freitag unter der kleinen Projektionskuppel des Berliner B-Dome auf dem RAW-Gelände in Friedrichshain: Der Elektronikmusiker und DJ Christopher Stein alias Avaion spielte in sehr entspannter Atmosphäre (Sitzsäcke) einem sehr kleinen Publikum sein zweites Album vor. In so intimer Runde wird man den Nürnberger wohl nicht mehr oft zu sehen und hören bekommen, denn mit seinem an Paul Kalkbrenner geschulten Chill-out-Techno mit Deep-House-Vibe trifft er gerade einen Nerv. Ein Jahr lang habe er gebraucht, um sich beim Grooven und Komponieren am heimischen Schreibtisch-Rechner klar zu werden, was Glück eigentlich für ihn bedeute. Na ja, die Leute mit Musik happy zu machen, natürlich. So banal das klingt, so gut funktioniert das in warmen, gutmütig auf dezenten Beats pulsierenden Tracks wie »I Can’t Find You« (mit Oskar med K) und seinem bereits vergangenes Jahr veröffentlichten Szenehit »Wacuka« (mit umwerfenden Vocals der kenianischen Sängerin Sofiya Nzau), die auch erfolgreich im Pop-Radio laufen könnten und sollten. Dass er noch nicht ganz an die Blockbuster- und Mainstream-Welt der Uber-Arena auf der anderen Seite der Warschauer Straße verloren ist, hört man immerhin noch aus dem schön untergründigem Track »Berlin« heraus. (7.5/10)
Jana Horn – »Jana Horn«
Man kennt das, wenn man wie festgenagelt auf dem Stuhl in der Bar oder am Tresen sitzt, bewegungsunfähig, überfordert und gelähmt. Man sollte eigentlich rausgehen, die Stadt erkunden oder unsicher machen, aber stattdessen ordert man den nächsten von noch vielen Drinks. Und dann geht irgendwann, in den rauchschwadenschwangeren Morgenstunden, eine Sängerin ans Mikro der lange verwaisten Karaokemaschine – und singt leicht trunkene und tastende, unmittelbar berührende Lieder wie »All In Bet« über genau jenes gedankenschwere Saloon-Drinking.
Das dritte Album der aus Texas stammenden Slowcore-Songwriterin Jana Horn und ihrer Band handelt von Horns Umsiedlung nach New York City vor einigen Jahren. Großstädte können große Einsamkeitsmaschinen sein, wenn man neu ist und fremdelt. Aus diesem durch Introvertiertheit gehemmten Start in einen neuen Lebensabschnitt ziehen die Songs des Albums ihre sehnsüchtige Spannung – und natürlich aus dem hysterisch ins Heliumgepitchte kippenden Gesang. Ihre zwischen Traurigkeit. Selbstironie und zaghafter Euphorie mäandernden Barfly-Meditationen sind so hinreißend, dass man Horn sogar die eigentlich verbotenen Anklänge an Mazzy Stars Genre-Blaupause »Fade Into You« verzeiht. (8.0/10)
The Damned – »Not Like Everybody Else«
Die erste Band aus England, die eine Punk-Single und dann auch bald darauf ein Album veröffentlichte? Sex Pistols? Nö. The Damned, 1976 mit »New Rose«, knappe fünf Wochen vor »Anarchy In The UK«. Unglaubliche 50 Jahre später gibt es die mehrfach umbesetzte Gruppe um Sänger Dan Vanian, Bassist/Gitarrist Captain Sensible (der von »Wot«) und Drummer Rat Scabies immer noch. Dem »Guardian« sagten die nun etwas knittrig gewordenen, aber immer noch kernigen Musiker kürzlich in schönster britischer Veteranen-Manier: »We wouldn’t still be playing if we’d got stinking rich« (Wir würden nicht mehr spielen, wenn wir stinkreich geworden wären).
Dabei waren The Damned nicht nur Punkpioniere, sondern auch noch enorm einflussreich auf die Wave- und Goth-Szene der Achtzigerjahre, aber Superstars wurden sie nie. Zum Jubiläum samt großem Feierkonzert im Wembley-Stadion im April schenkt sich diese zum Weitermachen verdammten Underdog-Blokes nun ein Album voller beherzt interpretierter Coverversionen. Nicht fehlen dürfen natürlich Proto-Punk-Klassiker aus den Sxities wie das auch titelgebende »I’m Not Like Everybody Else« (Kinks) und »When I Was Young« (Animals) oder »Gimme Danger« (Stooges). Aber auch Popperlen wie »Heart Full of Soul« (Yardbirds), »See Emily Play« (Pink Floyd) und »The Last Time« (Rolling Stones) werden charmant verrumpelt. Bloody great fun, innit? (7.6/10)
Postpunk-Band PVA: Jeder Synthie-Akkord eine sensorische Attacke
Foto: Jak Payne