Warum tut sich der »Tatort« nur so schwer mit den jungen Leuten?

Der neue »Tatort« aus Bremen erzählt von Verteilungskämpfen und Versagensängsten unter Studentinnen und Studenten. Im Zentrum steht eine Art ARD-Vorzeige-WG, bei deren Casting der öffentliche-rechtliche Kadavergehorsam zur Diversität nur noch vom Zwang zum Klischee übertroffen wird, unter dem die Krimischöpferinnen beim Verfassen dieses Krimis offenbar standen.

Das Sagen in der Wohngemeinschaft hat ein weißes Ohrfeigengesicht namens Hannes Butenbeker, das in seiner Prinz-Protz-Kombination aus Morgenmantel und Halstuch seine Mitbewohnerinnen und Mitbewohner erniedrigt, wenn es sich nicht gerade selbst vom übermächtigen Vater zusammenfalten lässt. Die Rolle des melancholischen, queeren Klugscheißers übernimmt ein grobschlächtig angepinselter Kurt-Cobain-Nachäffer mit Poetry-Slam-Tourette, der noch einfachste Fragen zwanghaft in ungelenken Reimen kontert, während er als Ausweis seiner bitteren Armut Bohnen aus dem Topf löffelt.

Als Streberin empfiehlt sich indes eine Jurastudentin aus der arabischen Community, die als Migrantenkind mit angenommener Bringschuld unter Besten-Zwang steht und bei der man das Gefühl nicht loswird, dass sie bereits beim Frühstück vor die Müslipackung die Hand hält, damit die anderen nicht die Nährwerte abgucken können. Und dann ist da noch eine sehr, sehr pragmatische afrodeutsche Abzockerin, die mit jedem pennt (oder vorgibt, dies zu tun), der ihr ein schön großes WG-Zimmer verspricht.

»Vermieter mit Benefit, wat?«, sagt Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer), als sie der möglichen sexuellen Abhängigkeiten unter den Kommilitonen gewahr wird.

Missgunst, Ausbeutung und Prostitution

Die Kommissarin schnoddert sich durch die WG, nachdem Mitbewohnerin Nummer fünf, eine weitere Jurastudentin unter Erfolgsdruck, mit gebrochenem Genick vor einem Klub gefunden wurde. An Moormans Seite: der junge afrodeutsche KDD-Beamte Patrice Schipper (Tijan Njie), der bei Dates Marvin Gaye auflegt und in der Rolle des Oberstylers mindestens ebensoviele Klischees aufgebürdet bekommt wie die allesamt verdächtigen jungen Leute.

Wohin Moorman und Schipper auch schauen, überall lauern Missgunst, Ausbeutung und sogar Prostitution im Studentenkosmos, was von den jungen Leuten dann zynisch wegkommentiert wird. Oder noch schlimmer: weggerappt. Das Kurt-Cobain-Lookalike deutschrappt nämlich auch. Dieser »Tatort« soll knallhart sein, ist aber eher knallchargig.

Was ist das eigentlich mit den ARD-Sonnagskrimis und der Gen Z? Eigentlich müsste dem Senderverbund doch daran gelegen sein, über junge Stoffe ein junges Publikum für den Krimiklassiker zu akquirieren. Doch gerade wenn es sich um Ermittlungen unter Studierenden handelt, reiht sich Stereotyp an Stereotyp – möglicherweise auch deshalb, weil das Unileben bei den Verantwortlichen meist schon einige Jahrzehnte zurückliegt. Ein absoluter Tiefpunkt bildete bereits der Münchner »Polizeiruf« über die angeblichen Auswüchse der politischen Korrektheit  an den Universitäten, bei dem wirklich jede einzelne junge weibliche Figur als Abziehbild aasgeiernder Wegcanclerinnen angelegt war.

Der neue Fall aus Bremen (Buch: Elisabeth Herrmann, Christine Otto, Regie: Ziska Riemann) kommt deshalb bei aller gespielten Anteilnahme am Studentenleben zwischen Zukunftsangst und Wohnungsnot als Boomer-Aburteilung daher. Wirklich gut sind die jungen Leute hier nur im Schlechtsein.

Bewertung: 2 von 10 Punkten

»Tatort: Wenn man nur einen retten könnte«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste

Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) mit dem Kollegen Patrice Schipper (Tijan Njie): »Vermieter mit Benefit, wat?«

Foto: Radio Bremen / Magdalena Stengel

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