Ist das schon ein Trennungsgrund?

Man merkt der deutschen Hauptstadt nicht an, dass hier am Abend Basketballgeschichte geschrieben werden soll. Die nordamerikanische Profiliga NBA ist zu Gast, zum ersten Mal soll ein reguläres Saisonspiel in Deutschland stattfinden, zwischen den Orlando Magic und den Memphis Grizzlies (20 Uhr, Stream: Amazon Prime Video).

Auf dem Weg durch die Stadt sieht man aber kaum Plakate oder Werbegrafiken. Die wenigen, die doch aufgehängt wurden, zeigen dann meistens das gleiche Gesicht. Es könnte jedem beliebigen deutschen Buben aus dem Prenzlauer Berg gehören: helle Haut und blaue Augen, mittelblonde Strubbelhaare, kleiner Schnauzer, schiefes Grinsen.

Und tatsächlich war dieser Mann einst solch ein Bube. Heute ist er aber nicht mehr einer von vielen, sondern die Ausnahme. Franz Wagner, 24, ist das größte deutsche Talent seit Dirk Nowitzki.

Weltmeister 2023, Olympiavierter 2024, Europameister 2025 – Wagner zählt zu den besten U25-Spielern des Planeten. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Moritz und dem deutschen Nationalspieler Tristan da Silva spielt Wagner für Orlando Magic. Bei dieser Konstellation ist den Ligastrategen die Aufmerksamkeit sicher, wofür sie dieses Promo-Event in Deutschland veranstalten.

Noch schöner könnte es für die Liga wohl nur sein, wäre Orlando nicht bloß ein »deutsches« Team, sondern auch noch ein gutes.

Wagner bergauf – sein Co-Star bergab

Das sind sie – immer noch – nicht. Der erhoffte Sprung zum Titelanwärter bleibt bislang aus, stattdessen stagniert Orlando mit 22 Siegen aus 40 Spielen. Dabei waren die Erwartungen so groß angesichts guter Verpflichtungen und der Jugend der beiden Stars Wagner und Paolo Banchero, 23.

»Der Druck ist groß, die Zeit ist gekommen«, sagte Moritz Wagner vor Saisonbeginn und gab dabei die Meisterschaft als Ziel aus. Einer Umfrage unter NBA-Managern  zufolge rechnete das Gros der Konkurrenz mit einem Entwicklungssprung.

Bislang bleibt dieser aber aus, obwohl das wichtigste Kriterium für Orlandos Reife abgehakt werden kann: Wagners Dreierwurf.

Nach der miserablen Trefferquote von 29,5 Prozent im Vorjahr versenkt der Deutsche diese Saison 36 Prozent seiner Dreier. Solche Sprünge sind selten in der NBA. Wagner hat sich von einem sehr schlechten zu einem mindestens durchschnittlichen Distanzschützen entwickelt.

Wagner ist wichtiger fürs Team

Wegen seiner Dreierschwäche galt Wagner bislang als Orlandos X-Faktor, gewissermaßen auch als Sorgenkind. Diesen Stempel trägt jetzt plötzlich Banchero, denn parallel zu Wagners Verbesserung ist dessen Dreierquote von 32 auf 25 Prozent abgestürzt.

Durch die gegenläufigen Entwicklungen der beiden Co-Stars verschiebt sich aktuell der Diskurs über Orlando. Bis dato war Banchero als klare Nummer eins behandelt worden, als künftiger Superstar. Es schien klar, wer in diesem Team der Batman und wer der Robin ist.

Jetzt stellten schon ein paar TV-Experten und Podcaster die Frage, ob Orlando Banchero nicht sogar abgeben sollte. Angefacht wurde diese Debatte aber nicht nur von dessen akuter Formschwäche, sondern einer Datenlage, die von Jahr zu Jahr immer deutlicher wird.

Schlechter mit dem Besten

Ein Blick auf die blanken Zahlen dieser Saison: Orlando gewinnt 70 Prozent der Spiele, in denen nur Wagner fit ist. Ohne ihn, aber mit Banchero, liegt die Siegesquote bei lediglich 50 Prozent. Diese Differenz unterscheidet echte Titelanwärter von Teams, die um die Playoff-Qualifikation kämpfen.

Umso schwieriger ist für Banchero der Fakt, dass sein Team sogar mehr Siege mit Wagner allein holt, als wenn beide fit sind.

Die These, dass die beiden möglicherweise gar nicht so gut zusammenpassen, bezeichnete Banchero jedenfalls als »Bullshit«, wie er vor Kurzem »The Athletic«  sagte. Dass der Ball im Angriff mit nur einem der beiden Stars besser von Spieler zu Spieler laufe, halte er für eine falsche Beobachtung. »Aber es ist frustrierend, das zu sehen und zu hören. Weil wir wissen, dass wir am stärksten sind, wenn wir beide auf dem Platz stehen.«

So überzeugt Banchero davon sein mag, die Statistiken belegen das Gegenteil. Seit Beginn der Saison 2024/2025 hat Orlando die beste Punktedifferenz in jenen Minuten , in denen Wagner auf dem Feld ist, Banchero aber nicht.

Es mag widersprüchlich klingen, aber: Kommt Orlandos talentiertester Mann ins Spiel, wird sein Team schlechter.

Wagner erkennt das Problem an

Die Gründe dafür sind kompliziert. Vor allem geht es um die Offensive, die mit Banchero träger wird, weil er wegen seines schwachen Distanzwurfes nicht so eng gedeckt werden muss. Dadurch können Verteidiger die Mitte des Feldes verstopfen.

Das Raumspiel ist schlechter – und das Passspiel ebenso aufgrund Bancheros Tendenz, den Ball nicht so schnell weiterzuspielen, sondern ihn erst mal zu halten und selbst etwas zu versuchen. Diese Spielweise passt nicht zu jedem Team, nicht zu jeder Situation.

Wenn man Wagner in Berlin nach seiner komplizierten Partnerschaft mit Banchero fragt, atmet er erst mal tief ein, bleibt aber an der Oberfläche: »Ich glaube, die Zahlen kann man nicht absprechen«, so Wagner. »Wenn man die zwei besten Spieler auf dem Feld hat, sollte es anders aussehen.«

Gut Ding will Weile haben

Anders als viele Kritiker bleibt Wagner aber weiterhin konstruktiv. Als Team müsse man gemeinsam »eine Lösung finden«, um das Zusammenspiel zu verbessern. Wie genau das funktionieren soll, erklärt Wagner nicht, nur: »An mir und Paolo liegt es natürlich auch individuell, das herauszufinden.«

Außer Frage steht zumindest für beide Spieler, dass sie an ihre Partnerschaft glauben. »Er und ich lieben es, zusammenzuspielen«, sagt Banchero in Berlin, »es geht nur darum, alle auf die gleiche Linie zu bringen.«

Das ist nicht nur Aufgabe der Spieler, sondern die des Cheftrainers Jamahl Mosley. Dessen Arbeit mit Wagner und Banchero wird aber immer wieder durch Verletzungen unterbrochen.

»Ich hätte so gern mal beide Spieler auf einmal für eine längere Zeit«, sagt Mosley in Berlin und lobt deren Kommunikation und Lernfähigkeit. Er sei davon überzeugt: »Je mehr wir sie gemeinsam auf dem Court haben, desto besser wird es.«

Insofern dürfte es nicht nur die deutschen Fans freuen, sondern auch Mosley, wenn Wagner nach 16 verpassten Spielen in Berlin sein Comeback geben sollte, wozu er sich nach eigener Aussage fit genug fühlt.

Vielleicht hat Coach Mosley recht und des Rätsels Lösung ist gar nicht so kompliziert. Vielleicht brauchen beide Stars bloß mehr Zeit miteinander, immerhin sind sie noch nicht mal 25 Jahre alt. Aus Ungeduld jetzt schon einen von ihnen abzugeben, könnte sich eines Tages als schlimmer Fehler erweisen.

Basketballer Franz Wagner vor dem NBA-Spiel in Berlin

Foto: Annegret Hilse / REUTERS

Paolo Banchero (r.) mit Franz Wagner beim Training in Berlin

Foto: Annegret Hilse / REUTERS

Paolo Banchero beim Korbleger

Foto: Frank Gunn / ZUMA Press / IMAGO

Seit dem 7. Dezember gegen die New York Knicks fehlt Wagner verletzt

Foto: John Munson / AP

Banchero hat oft nur wenig Platz beim Zug zum Korb

Foto: Phelan M. Ebenhack / AP / dpa

Seit 2021 trainiert Jamahl Mosley die Orlando Magic

Foto: Annegret Hilse / REUTERS

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