Neue Studie dämpft Hoffnung bei Alzheimer-Medikamenten
Eine neue Übersichtsarbeit von Forscherinnen und Forschern des unabhängigen Wissenschaftsnetzwerks Cochrane kommt zu einem ernüchternden Ergebnis bei Alzheimer-Medikamenten, die bestimmte Ablagerungen im Gehirn reduzieren. Sogenannte monoklonale Antikörper wie Donanemab richten sich gegen den Eiweißstoff Beta-Amyloid und sollen den Krankheitsverlauf vorwiegend in frühen Stadien bremsen. Die nun ausgewerteten Daten legen jedoch nahe, dass die Wirkstoffe Betroffenen kaum helfen und zudem Nebenwirkungen wie eine Schwellung des Gehirns verursachen können.
Für die Analyse wurden 17 klinische Studien mit insgesamt mehr als 20.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit leichter Alzheimer-Demenz oder leichten kognitiven Beeinträchtigungen ausgewertet. Alle eingeschlossenen Studien wurden von Pharmaunternehmen finanziert. Untersucht wurden mehrere Wirkstoffe, darunter Aducanumab, Donanemab, Gantenerumab und Lecanemab. In allen Studien wurden die Antikörper mit einem wirkstofffreien Scheinmedikament (Placebo) verglichen.
Die zentralen Ergebnisse: Bei Gedächtnis und Denkvermögen zeigten sich nach 18 Monaten, wenn überhaupt, nur geringe Unterschiede. Auch bei der Schwere der Demenzsymptome fanden die Autorinnen und Autoren höchstens minimale Effekte. Im Alltag, also etwa bei Aktivitäten wie Einkaufen oder dem Umgang mit Finanzen, gab es allenfalls kleine Vorteile.
Deutlicher fiel der Befund bei den Nebenwirkungen aus. Nach Verabreichung der Medikamente traten sogenannte amyloidbedingte Bildgebungsanomalien (ARIA) häufiger auf. Dabei handelt es sich etwa um Hirnschwellungen, die in MRT-Untersuchungen festgestellt wurden.
Analyse bestätigt vorherige Zweifel
Von 1000 Probanden, die monoklonale Antikörper erhielten, entwickelten im Durchschnitt 119 solche Auffälligkeiten – in der Placebogruppe waren es lediglich 12. Auch kleinere Hirnblutungen wurden beobachtet. Bei »schweren unerwünschten Effekten« oder der Sterblichkeit konnten die Autorinnen und Autoren jedoch keine signifikanten Unterschiede feststellen.
Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weisen auch auf Probleme hin, die die Aussagekraft der Analyse schwächen. Einerseits waren die Beobachtungszeiträume recht kurz, sodass langfristige Wirkungen und Sicherheitsrisiken schwer zu beurteilen sind. Andererseits könnte es zu einer sogenannten funktionellen Entblindung gekommen sein.
Das bedeutet, dass Probandinnen und Probanden durch die deutlichen Nebenwirkungen merken, dass sie das Medikament und nicht das Placebo bekommen. Das kann Ergebnisse verzerren – vor allem dann, wenn Betroffene selbst einschätzen sollen, inwieweit sich ihre Beschwerden verändert haben.
Insgesamt ziehen die Autorinnen und Autoren ein deutliches Fazit: Das Verringern von Amyloid-Proteinen im Gehirn führt bei Betroffenen anscheinend nicht zu einer klinisch bedeutsamen Verbesserung. Und sie gehen sogar noch einen Schritt weiter: Die zukünftige Forschung solle sich lieber auf andere Therapiemöglichkeiten konzentrieren.
Die Zweifel an der Wirksamkeit der Antikörper sind nicht neu. Im Dezember kam das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bei der Bewertung des kostspieligen Alzheimer-Wirkstoffs Lecanemab zu dem Schluss, dass dessen Nutzen nicht über die Wirkung von deutlich günstigeren Alternativtherapien hinausgeht.
Für Patientinnen und Patienten bedeutet das zunächst: Die Hoffnung auf einen Durchbruch durch Amyloid-Antikörper bekommt einen deutlichen Dämpfer. Die Arzneimittel zeigen zwar eine Wirkung auf die Amyloid-Plaques im Gehirn, aber der Nutzen im Alltag der Erkrankten bleibt nach jetzigem Stand fraglich.
Die Geschichte eines mit dem Mittel behandelten Alzheimer-Patienten in Deutschland und wie Ärzte über die Wirksamkeit des Medikaments streiten, lesen Sie hier .