Ist es normal, dass meine Kinder so laut sind?
Vergangene Woche rief ich zu Hause an. Kaum hatte jemand abgenommen, hörte ich Gebrüll: »Ich will mit der Mama telefonieren! Nein, ich!« Es krachte am anderen Ende der Leitung. Ich hörte nur sehr nahes Kinderschnaufen und die entfernte Stimme meines Partners: »Lass das Handy liegen!« Mein Zweijähriger hatte sich das Telefon geschnappt und es in die Kiste mit Bausteinen geworfen. Dann war Stille.
Bei uns zu Hause regiert nachmittags das Chaos. Meine Kinder schreien und jagen um die Kücheninsel. Sie bauen Türme und reißen sie nieder, sie spielen Hunde und überbieten sich im Bellen. Sie haben eine unbändige Energie in sich, die strömt und strömt und einfach hinauswill.
Wird es meiner zehnjährigen Tochter zu wild, geht sie in ihr Zimmer und macht Musik an. Ebenso laut. Nicht, dass Mädchen nicht auch wild sein können. Gut, wenn sie es sind! Aber vor allem meine beiden kleinen Jungs sind eine andere Hausnummer: Sie stapfen in meinen Winterstiefeln durch den Flur und singen lautstark »Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserem Haus herum, DIDELDUM!« Sie zetteln Streit an, darüber, wer als Erstes den Plastikelefanten hatte, dem ein Ohr fehlt. Sie spielen Piraten unter dem Tisch und tanzen in Ballettröckchen Pirouetten, bis einer umfällt.
Erfahrung, schreiende Kinder aus Bäckereien zu tragen
In der Öffentlichkeit könnte man gelegentlich denken, sie seien schlecht erzogen. Mein Kleinkind verkündete neulich lautstark seine Forderungen in der Bäckerei – wohl wissend, dass sich keine davon erfüllen würde: »Isss will Kuchen! Und Milch! Und Kakao!« Daraufhin beugte sich eine Dame zu ihm hinunter: »Das heißt ›Ich möchte bitte‹.« Recht hatte sie, aber erklären Sie das mal einem Zweijährigen. Entsprechend war auch unser Abgang aus der Bäckerei.
Ich habe nun schon etwas Erfahrung darin, schreiende Kinder aus Bäckereien und von Spielplätzen zu tragen. Wir haben das Glück, in einem Haus zu leben, in dem genug Platz ist, sich hinter Mänteln im Flur zu verstecken und Höhlen auf dem Sofa zu bauen. Das Beste daran ist, dass es keine Nachbarn über oder unter uns gibt. Nur die nebenan blicken gelegentlich mitfühlend herüber, wenn ich verschwitzt die Tür öffne und einen Zweijährigen nach draußen bugsiere. »Tut mir leid wegen der Lautstärke«, murmele ich dann entschuldigend.
»Ist das normal?«, fragte ich neulich meinen Vater, der zu Besuch war. Er wuchs in den Fünfzigerjahren als einer von drei Brüdern auf. »Wart ihr auch so laut und wild?«
Er erzählte von den zweieinhalb Zimmerlein, in denen sie zu fünft lebten. Nach dem Krieg teilten sich etliche Familien ein Haus, ebenso das Plumpsklo. Auf dem Flur musste man still sein, alle hörten jedes Geräusch mit. Draußen im Hof konnten die Kinder spielen – zumindest, bis einer der Nachbarn aus dem Fenster nach Ruhe brüllte. »Vielleicht wären wir gern so gewesen«, sagte mein Vater, »aber daheim haben wir uns nicht getraut«.
Meine Kinder trauen sich, und so toben und spielen sie. Nur abends, da ist die Energie plötzlich aufgebraucht, als hätte jemand einen Lichtschalter ausgeknipst. Sie schleppen sich die Treppe hoch und fallen ins Bett. Dann kuscheln sie und halten sich fest und sind ganz leise.
Dürfen Kinder heute lauter sein als früher? Und geht es bei Ihnen zu Hause ähnlich zu? Schreiben Sie mir unter familiennewsletter@.de .
Buchtipp
Manche Kinderbücher sind mir zu glatt, die Familien zu perfekt. Für Kinder mit viel Fantasie kann ich stattdessen dieses Buch empfehlen: »Der Weg nach Hause«. Es ist von Sven Nordqvist, der eigentlich für »Pettersson und Findus« bekannt ist. Diese Bücher sind so erfolgreich, dass der Rest seines Werkes manchmal untergeht. Dabei sind die weniger bekannten noch verrückter und detailreicher. »Der Weg nach Hause« ist eine Art »Alice im Wunderland« für jüngere Kinder. Es geht um einen Jungen, der auf dem Rückweg aus dem Wald in eine Art Fantasiereise hineingerät, mit Eisenbahnen und Booten unterwegs ist, begleitet von den Gestalten, die sich nur ein Autor wie Nordqvist ausdenken kann. Der wird im April übrigens 80 Jahre alt.
Meine Lesetipps
»Ich habe Schlafstörungen. Sie sind sehr niedlich« , schreibt Julius Fischer. Er ist seit der Geburt seiner zwei Kinder chronisch übermüdet: Er liebt sie sehr, aber ihr Nichtschlafen macht ihn tagsüber zunehmend funktionsunfähig. Seine Kinder scheinen meinen ähnlich zu sein – zumindest in Bezug auf die Lautstärke: In seiner aktuellen Kolumne spielt eine Trillerpfeife eine Rolle.
Ich bin dankbar, wenn mein Vater zu Besuch ist. Die Kinder lieben ihren Opa und klettern auf ihm herum. Dass das nicht nur für sie, sondern auch für ihn gut sein könnte, ist nun wissenschaftlich bewiesen: »Die Forscher sahen von Beginn an einen Unterschied: Wer Enkel betreute, war im Schnitt geistig etwas fitter als diejenigen, die es nicht taten. Das galt für Großväter wie Großmütter« .
»Wenn nichts anderes da ist, lese ich die Rückseite der Müslipackung« , sagt Autorin Katja Brandis, die sich im Interview als »richtigen Lesejunkie« beschreibt. Sie schreibt die »Woodwalkers«-Reihe und zählt zu den erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen Deutschlands. Ihre Bücher haben sich millionenfach verkauft. Für DEIN SPIEGEL haben Ella und Valentina, beide 13, sie zum Kinderinterview getroffen. Beide Mädchen sind begeisterte Leserinnen und wollten von der Autorin wissen, wie sie Geschichten schreibt, in die Teenager weltweit eintauchen.
Die elfjährige Aliyah möchte später Ärztin werden. Deshalb lernt sie an der Kinderuniversität der Berliner Charité jetzt schon lateinische Fachbegriffe und das Verarzten aufgeschürfter Knie. Frederik, 12, könnte sich vorstellen, Richter zu werden. Gerade ist eine neue Ausgabe von DEIN SPIEGEL erschienen, dem Magazin für junge Lesende. Mein Kollege Pelle Kohrs hat dafür mit Kindern über ihre Berufswünsche gesprochen. Das Heft liegt seit dieser Woche am Kiosk.
Mein Moment
In meinem letzten Newsletter schrieb ich über meinen Vorsatz: Ich möchte zu Hause das vorleben, was ich für wichtig halte. Deswegen habe ich mir vorgenommen, dieses Jahr vor den Kindern mehr zu lesen und das Handy seltener in die Hand zu nehmen. Leserin Floriana hat dazu geschrieben:
»Ich lese Euren Newsletter immer wieder gern – er ist mir Inspiration, manchmal auch Trost und an vielen Stellen fühle ich mich als dreifache Mutter einfach sehr mit Euren Autorinnen und Autoren verbunden. Ich schätze auch den Humor und die Lebensfreude, die aus Eurem Newsletter spricht.
Aus meiner Sicht gehen ›Vorleben‹ und ›Erziehen‹ Hand in Hand und schließen sich nicht gegenseitig aus. Möchte ich, dass meine Kinder einen Fahrradhelm tragen, so muss ich das selbst auch möglichst konsequent tun. Möchte ich, dass die Kinder weniger Bildschirmzeit haben, muss auch ich mein Handy öfter aus der Hand legen. Dies ist für mich die einzige Möglichkeit, im Einklang mit meinen Werten authentisch zu bleiben. Gleichzeitig erziehe ich meine Kinder, indem ich Fehlverhalten freundlich und zugewandt anspreche – so, wie ich selbst gern angesprochen werden möchte. Vorleben und Erziehen trifft es aus meiner Sicht besser. Ich denke auch, dass man diesen Ansatz auf das tägliche Miteinander mit den Mitmenschen anwenden kann.«
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende!
Herzlich,
Ihre Antonia Bauer
»Es tanzt ein Bi-Ba-Butzemann in unserem Haus herum, DIDELDUM!«
Foto:Christian Ender / IMAGO