Der Saar-»Tatort« im Schnellcheck
Das Szenario:
Familie als Fluch. Kommissarin Baumann (Brigitte Urhausen) muss für Untersuchungen in einem Messermord zurück in ihr Heimatdorf an der deutsch-französischen Grenze, aus dem sie einst geflohen ist, nachdem die Teenagerliebe zu einer Schulfreundin in die Brüche gegangen war. Seitdem hat sich nichts verändert, noch immer verpesten zwei verfeindete Sippen die Stimmung in dem alten Grubenort. Wie soll da die Liebe gedeihen? Neben der jüngsten Bluttat offenbart sich der angefassten Ermittlerin auch noch ein älterer unaufgeklärter Todesfall: Ein Mädchen starb im Wald, nachdem sie sich dort mit ihrer geliebten Freundin getroffen hatte. Baumann sieht das eigene Adoleszenz-Martyrium get.
Der Clou:
»Romeo und Julia« auf Gegenwart gebürstet. Erst im November hatte sich das Team um Kommissarin Odenthal durch einen Fall gereimt, der sich sehr deutlich an der berühmten Liebestragödie orientierte. Im Saar-»Tatort« bildungshubert nun Kommissar Schürk (Daniel Sträßer) mit Blick auf die Familienfehde: »Was ist das nur mit den Montagues und Capulets?« Dass Shakespeare queer weitergedreht wird, ist natürlich aller Ehren wert, dass hier aber gleich zwei identische lesbische Liebestragödien aneinandergepappt werden, macht die Klassikererneuerung dann doch sehr schwergängig.
Das Bild:
Meine Kneipe, die Zeitmaschine. Um sich gegenseitig ins Bier zu spucken, treffen sich die Männer der verfeindeten Sippe in einer Gastwirtschaft, die aussieht wie aus dem letzten Jahrhundert. Selbst die Bockwürste im Wurstwärmer sehen aus, als hätte sie dort jemand vor 30 Jahren zum Anwärmen reingelegt.
Der Auftritt:
Robert Nickisch als Sven Baumann, zurückgebliebener Bruder der heimgekehrten Kommissarin. In der Rolle der White-Trash-Wampe ist Nickisch der personifizierte gescheiterte Strukturwandel. Er vegetiert im Schlafzimmer des Hauses der toten Eltern und hängt Verschwörungsmythen an. Sagt die Schwester angeekelt: »Du schläfst noch immer im Bett von Mama und Papa.« Kontert er lakonisch: »Ist ein gutes Bett.«
Der Song:
»Smalltown Boy« von Bronski Beat . Die Gay-Hymne läuft in der Kneipe und ist eine der vielen wenig subtilen Hinweise auf die sexualpolitische Enge des Provinzlebens, die es hinter sich zu lassen gilt. Run away! Turn away!
Die Bewertung:
4 von 10 Punkten. Junge Liebe, alte Würstchen – leicht überfrachteter Hinterwäldler-»Tatort«.
Die Analyse:
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»Tatort: Das Böse in Dir«, Sonntag, 20.15 Uhr, Das Erste
Kneipenszene im »Tatort«: Ab in die Zeitmaschine
Foto: Manuela Meyer / SR