Das können Eltern tun, wenn ihre Kinder in Konflikte geraten
Er sehe aus »wie ein dummes Mädchen« mit seinem kinnlangen blonden Haar. Das, so erzählte es mir mein acht Jahre alter Sohn, habe ihm ein Mitspieler aus seiner Fußballmannschaft gesagt und gelacht.
Natürlich echauffierte ich mich, als ich das hörte. Und ich fragte mich, wie ich mit meinem Kind über so eine Gemeinheit sprechen sollte. Man weiß ja gar nicht, wo man anfangen soll. Bei der Absurdität, dass offenbar sowohl der Sender als auch der Empfänger das Wort »Mädchen« als Schimpfwort verstehen? Bei der Frage, warum Kinder andere Kinder beleidigen, hänseln, verhöhnen? Ich entschied, mich zuerst dem Schmerz zu widmen. Mein Sohn war schließlich den Tränen nahe. Ich nahm ihn in den Arm. Musste schlucken, weil er so erschüttert wirkte. Und weil mein Sohn wirklich schöne lange Haare hat, die er nun am liebsten sofort abschneiden wollte.
Ob der Junge weiß, was er mit seinem Spruch ausgelöst hatte? Wie sehr er mein Kind verletzt hat? Ob der Sohn meiner Kollegin Anna Clauß wusste, was er tat, als er einen Mitschüler mit langen Haaren im Schulklo als »Mädchen« verspottete. Über diesen Vorfall, den die Eltern des gemobbten Kindes so schilderten, schreibt Anna in ihrer aktuellen Elternkolumne .
Sie habe sich früher immer gesorgt, ihr Sohn könnte ein potenzielles Opfer werden. »Als er sich im Kindergarten als Prinzessin Elsa verkleiden wollte, schickte ich ihn mit Bauchschmerzen zum Fasching«, schreibt Anna. »Zwar kam er strahlend zurück. Seine Liebe zur Farbe Rosa, zu Einhörnern und Glitzerschuhen trieben ihm die älteren Kindergartenkinder aber leider mit der Zeit aus. Immer wieder machten sie sich über ihn lustig.«
Nun kam es anders: »Der Bully: unser Sohn«, schreibt Anna in ihrem Text, der so lesenswert ist, weil er sich mit einer wichtigen Frage auseinandersetzt: Wie trösten wir nicht nur die Kinder, die Opfer von Hänseleien und Schlimmerem werden? Wie stärken wir sie? Sondern: Wie schaffen wir es, solche Szenarien zu vermeiden?
Über bestimmte Gedanken, die sich Anna machte, erschrak sie regelrecht. »Vielleicht ist es normal, dass Fünftklässler Hackordnungen etablieren. Neue Freundschaften müssen nach der Grundschulzeit offenbar hart erarbeitet werden. Vielleicht ist das alles eine Phase, beruhige ich mich. Aber was, wenn das permanente Angeben, Rangeln und Herabwürdigen in Jungscliquen ein Spiegel unserer Zeit ist?«
Die Wahrscheinlichkeit, dass Mobbing zu einer psychischen Störung führt, ist ähnlich hoch wie bei körperlicher Misshandlung, schrieb mein Kollege Maik Großekathöfer kürzlich in der SPIEGEL-Titelstory. Ihre Überschrift lautete: Deshalb geht es unseren Kindern und Jugendlichen seelisch nicht gut .
Maik traf für seine Recherche unter anderem Quentin Gärtner, der als Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz bis vor Kurzem die Interessen von mehr als 7,5 Millionen Kindern und Jugendlichen vertrat. Im Oktober stellte Gärtner einen Zehnpunkteplan vor, der Schülerinnen und Schüler vor psychischen Belastungen schützen soll. Punkt 7: »Verbindliche Schutzkonzepte gegen Mobbing und Diskriminierung«.
Ich fände das richtig. In den verschiedenen Schulen, die meine Kinder besuchen, stehen diese Themen mehr oder weniger intensiv auf dem Plan – und ich habe den Eindruck, dass es insgesamt stark variiert, wie sehr sich Bildungsinstitutionen für ein gutes Miteinander einsetzen.
Für einen Text, der in der aktuellen Ausgabe von SPIEGEL WISSEN erschienen ist, habe ich eine Hamburger Grundschule besucht, an der die Pädagoginnen und Sozialtherapeuten die Konflikte zwischen Schülerinnen und Schülern besonders entschlossen begleiten . Während der Recherche habe ich viel darüber gelernt, warum es wichtig ist, Streit »nicht unter den Teppich zu kehren«, wie die Pädagogin Verena Staeckling sagt. Ihre Haltung: Einen Konflikt sollte man auskosten. Um daraus zu lernen, um daran zu wachsen. Nur so lassen sich Hänseleien, Gewalt und Mobbing vorbeugen. Lesen Sie hier, wie das Steackling und ihren Kolleginnen und Kollegen gelingt .
»Vielleicht bedeutet gute Erziehung am Ende nicht, ein Kind davor zu bewahren, Fehler zu machen«, schreibt meine Kollegin Anna in ihrem Text. »Sondern es merken zu lassen, dass Stärke auch leise sein kann. Und Mut häufig darin liegt, nicht mitzumachen bei dem, was die Mehrheit tut.« Lesen Sie hier ihre Kolumne .
Hat Ihr Kind bereits Erfahrung mit Mobbing gemacht? Wie haben Sie mit ihm darüber gesprochen – und was hat Ihnen geholfen? Schreiben Sie uns, wenn Sie mögen: familiennewsletter@.de .
Meine Lesetipps
Hat das Kind Kummer, fühlen sich Eltern schnell überfordert, auch das Thema Mobbing stellt Familien vor große Herausforderungen. In den hier verlinkten Texte finden Sie Antworten auf erste Fragen.
Woran merken Eltern, dass ihr Kind unter Mobbing leidet? Dies fragte meine Kollegin Heike Klovert jemanden, der jahrelang wegen seines Gewichts gemobbt wurde – und heute Eltern, Kinder und Lehrkräfte unterstützt. Was kann helfen, wenn alle hilflos sind? Hier geht es zum Interview .
Dürfen Eltern heimlich die Chats ihrer Kinder lesen, wenn sie den Verdacht haben, dass ihr Kind in der Schule gemobbt wird? Medienpädagogin Iren Schulz weiß Rat .
Gefahren im Klassenchat: Fast jeder fünfte Jugendliche wurde schon mal online gemobbt. »Eltern können ihre Kinder nicht davor bewahren«, sagt der Experte Uwe Leest und erklärt, wie Eltern ihren Kindern bei Cybermobbing helfen können .
Mein Buchtipp
Empfehlenswerte Kinder- und Jugendbücher zum Thema Mobbing gibt es einige, etwa »Wolf« von Saša Stanišić oder »Vier Wünsche ans Universum« von Erin Entrada Kelly. Wie sich ein Kind, das gemobbt wird, fühlt, darum geht es auch in »Ich bin Vincent und ich habe keine Angst«. Die Niederländerin Enne Koens beschreibt erzählt darin vom Leidensdruck eines Jungen, der von Mitschülern gequält wird, und von seiner Hoffnung, mithilfe eines Survival-Kits den verhassten Schulalltag sowie eine Klassenreise zu überleben. Und Koens beschreibt den Ausweg aus einer fürchterlichen Dauersituation, wie sie viele junge Menschen kennen.
Gemeinsam kochen und backen – Rezepte für Familien
Schmeckt der virale Cheesecake aus dem Joghurtbecher? Klar, sagt meine Kollegin Jule Lutteroth. Alles schmeckt, wenn man genügend Kekse reindrückt. Hier sind Käsekuchenrezepte , mit denen man wirklich Herzen erobert.
Mein Moment
Viele Familien grübeln am Jahresanfang über Ferienpläne. Vergangenen Sommer schrieb ich einen Newsletter darüber, was das Schöne daran ist, mit Oma und Opa unterwegs zu sein. Ich fragte Sie, liebe Leserinnen und Leser: »Haben Sie auch schon Urlaub mit der Großfamilie gemacht?« Leser Torben Kuschel schrieb uns von seinen Erlebnissen:
»Schon als Kind durfte ich viele wunderschöne Reisen mit meinen Großeltern väterlicherseits unternehmen – vor allem nach Mallorca. Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Großmutter mit mir am Strand Muscheln sammelte und mich liebevoll beschäftigte, wenn meine Eltern einmal andere Pläne hatten.
Später habe ich regelmäßig mit meinen Großeltern mütterlicherseits Urlaub gemacht, oft gemeinsam mit Tante und Onkel. Einmal waren wir an der Mosel und spielten eine Runde Uno. Ich musste zwölf Karten auf einmal ziehen – eine Szene, über die wir alle herzhaft gelacht haben und die meine Schwester bis heute gern aufgreift.
Wir waren auch im Winter gemeinsam unterwegs, etwa im Bayerischen Wald oder im Raum Oberammergau. Ich erinnere mich gern an die Schneewanderungen mit allen zusammen – ein echtes Familienerlebnis. Diese Reisen – mit Großeltern, Tanten, Onkeln und Geschwistern – haben mir viel gegeben. Sie haben das Gefühl von Zusammenhalt, Geborgenheit und Freude an gemeinsamen Entdeckungen gestärkt.«
Vielleicht inspirieren Sie diese Zeilen!
Herzlich
Ihre Julia Stanek
Raum für Gespräche: Wie lassen sich Hänseleien, Gewalt und Mobbing vorbeugen?
Foto:Catherine Falls Commercial / Getty Images